Von Wilhelm Hankel

Wir sprechen so leicht vom „internationalen Währungssystem“. Haben wir überhaupt eins? Zwei Gründe rechtfertigen das Fragezeichen: erstens die Gründungsurkunde von Bretton Woods, das Abkommen über den Internationalen Währungsfonds (IWF) von 1944 (dem die Bundesrepublik 1952 beigetreten ist) und zweitens die internationale Währungsentwicklung seit Ende des Zweiten Weltkrieges.

Viel zu wenig wird beachtet, daß sich seit Ende des Zweiten Weltkrieges, also in 25 Jahren, die Zahl der nationalen Währungen „inflationiert“ hat. Man könnte fast von einer Gründerzeit sprechen. So waren 1944 auf der „Gründungsversammlung“ in Bretton Woods 32 Währungen vertreten. Inzwischen hat sich ihre Zahl mehr als verdreifacht: Gegenwärtig besteht die Währungsfamilie der IWF-Mitglieder aus 117 Einzelwährungen. Außerhalb dieses Familienverbandes gibt es aber noch zahlreiche andere nationale Geldsysteme: die europäischen und asiatischen Ostblockwährungen sowie den Schweizer Franken, da die Schweiz es bis heute nicht über sich gebracht hat, in den Klub der IWF-Mitglieder einzutreten.

Die ständige Produktion neuer Währungen hat die Währungslandschaft „balkanisiert“: Mit den neuen Währungen entstanden zusehends kleinere Währungsräume. Sie waren der währungspolitische Preis für einen weltpolitischen Fortschritt: die Entlassung der bisher kolonial und imperial beherrschten Entwicklungsländer in die politische Freiheit und Identität.

Bretton Woods hat diese Rückbildung zur monetären Klein- und Vielstaaterei zwar nicht verursacht, aber auch nicht vermindert. Das danach geschlossene Abkommen war weder ein „System“ noch eine „internationale“ Ordnung in dem Sinn, daß „nationale“ Währungskompetenzen und -rechte an internationale Lenkungsgremien abgetreten werden mußten. Im Gegenteil: Man beließ es bei der „Entdeckung“ der dreißiger Jahre – der in den Dienst binnenwirtschaftlicher Stabilitätsziele (wie der Sicherung von Vollbeschäftigung, Wirtschaftswachstum und Preisniveaugleichgewicht) gestellten nationalen Währungspolitik.

Um dennoch ein Mindestmaß internationaler Währungsabstimmung und -kooperation sicherzustellen, griff man auf einige, leider nicht einmal die wichtigsten Requisiten des guten alten (in den Strudeln der dreißiger Jahre versunkenen) Golddevisenstandards der Jahrzehnte zuvor zurück: Man einigte sich auf gewisse Regeln und Techniken der Wechselkurspolitik. Um jede Wiederholung der ruinösen Währungsabwertungen der dreißiger Jahre auszuschließen, kam man überein, die Währungsparitäten in der damals führenden Währung, dem Dollar, beziehungsweise in Gold zu fixieren und die einmal festgelegten nur im Falle „fundamentaler (Zahlungsbilanz-) Ungleichgewichte“ zu korrigieren (Art. IV des IWF-Abkommens). Da man aber die höchst autonomen Entscheidungsträger der nationalen Währungspolitik beibehielt, hatte man – was man nicht gleich sah – sozusagen den Konflikt eingebaut. Je konsequenter und zielstrebiger man nämlich in allen Mitgliedsstaaten die nationale Währungs-(und Wirtschaftspolitik betrieb, desto „fraglicher“ mußte mit dem zunehmenden Auseinanderlaufen der nationalen Politiken und Prozesse die einzige Säule der neuen internationalen Ordnung werden: das Gefüge fester Währungsparitäten.

Keynes mußte lange warten