Von Eckart Kleßmann

Als Wolf von Niebelschütz 1949 seinen Roman „Der blaue Kammerherr“ veröffentlichte (dieses vergessene Buch, das – so Walter Boehlich – „die gesamte Elendsliteratur durch seine Schönheit, Poesie und Kunstfertigkeit überragt“), schrieb er dazu: „Den Keim zu diesem Tulpenbaum legte Hugo von Hofmannsthal durch sein nachgelassenes Fragment ‚Danae oder Die Vernunftheirat‘, gedacht als Oper für Richard Strauss.“ Eine ins Grandiose wie Graziöse gedachte Fortsetzung eines bereits konzipierten Stücks Literatur: seltener Fall geglückter, spielerischer Fortentwicklung. Peter Härtling ließ sich zu ähnlichem inspirieren –

„Leporello fällt aus der Rolle“ – Zeitgenössische Autoren erzählen das Leben von Figuren der Weltliteratur weiter, herausgegeben von Peter Härtling; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 240 S., 22,– DM.

Aber, doch nur zu Ähnlichem. Dem Niebelschütz hatte es mit einem entwicklungsfähigen Fragment zu tun; die achtzehn Autoren, die unter Häftlings Regie Figuren der Weltliteratur neu beleben und ihre Erlebnisse und Erfahrungen fortzuspinnen trachten, beschäftigen sich dagegen mit künstlerisch abgeschlossenen Gebilden. Damit begibt sich der Weiter-Erzähler in bedenkliche Nähe zum Original-Autor, der ja seine guten Gründe hatte, den Schlußpunkt zu setzen.

Was Wunder also, wenn Reinhard Baumgart in der Süddeutschen Zeitung das Unternehmen streng tadelte, an die Leistungen der achtzehn die kritische Elle legte und resümierte: „Wieder ein Beweis dafür, wie vergessen, harmlos, unproduktiv in diesem Lande die literarische Tradition ist, die fast niemandem mehr zu schwer im Magen liegt oder zu heiß in den Kopf steigt, die kaum noch jemanden juckt.“ Aber setzen wir den Fall, um die literarische Tradition wäre es hierzulande besser bestellt: Wäre das Ergebnis dann auch wirklich besser geraten?

Mir scheint, diese Sammlung will und soll gar nicht anders verstanden werden denn als munteres Spiel.

Wie Heinrich Böll etwa auf acht Seiten Stifters „Nachsommer“ ergänzt, parodiert und dessen biedermeierliche Wohlanständigkeit denunziert, sollte das der Lektüre nicht wert sein? Oder Heißenbüttels so witzige wie verblüffende Paraphrase zur Genealogie der Familie Knopp, die in Rainer Candidus Barzel als dem Knopp, unserer Tage kulminiert? Soll es mich verdrießen, wenn Horst Krüger Hölderlins Hyperion als Strichjungen Hypi wiederbegegnet, sein Bericht aber des Hölderlinschen Karats ermangelt?