Am Rande des Millionenspiels

Von Carl Schmidt-Polex

München

Der Himmel war wolkenlos über München, die Stimmung noch ein bißchen nach Blei. Von einem Balkon des Hauses Nr. 74 plärrte ein Lautsprecher den Hit der Woche „Chirpy Chirpy Cheap Cheap“, während wenige Meter entfernt vier Scharfschützen aus einem Sanitätswagen kletterten. Auf der Freß-Terrasse des Feinkostgeschäfts Käfer ließen Twens in Maßanzügen Sektpfropfen in den Himmel knallen – im Schatten eines Telephonhäuschens schlüpfte einer der Scharfschützen in eine olivgrüne Kugelweste.

Väter nahmen ihre Jüngsten zwecks besserer Sicht huckepack, Mädchen in Hot-pants schäkerten mit Polizisten, die ihre Maschinenpistolen verschämt zur Seite drückten. Franz Josef Strauß tauchte unter den Zuschauern auf und wurde ausgepfiffen. „Dem gehört das Haus Nr. 70“, sagte einer der Zuschauer. Eine Nachricht, die sich als falsch herausstellen sollte. Es blieb nicht die einzige Fehlmeldung in dieser Münchner Nacht, die der Süddeutschen Zeitung als eine „gespenstische Mischung von Chicago und Oktoberfest“ im Gedächtnis blieb. Strauß war einfach neugierig, so wie viele tausend andere Münchner auch.

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Prinzregentenstraße am Mittwoch abend, 20 Uhr: Seit vier Stunden halten zwei schwerbewaffnete Banditen die Filiale der Deutschen Bank im Prominentenviertel Bogenhausen besetzt. Sie waren wenige Minuten vor Geschäftsschluß gekommen, vermummt mit weinroten Ku-Klux-Klan-Masken und entschlossen, die Bank nicht eher zu verlassen, bis zwei Millionen Mark („in 100-Mark-Scheinen und bis 22 Uhr“) in ihrem Besitz wären. Daß im Safe der kleinen Filiale das große Geld nicht deponiert sein würde, das hatten die beiden Maskierten eingeplant. Sie wählen aus Angestellten und Kunden fünf Geiseln, einen Mann und vier Frauen. Alle anderen werden weggeschickt. Die Polizei wird 13 Minuten nach dem Überfall informiert. Um 20 Uhr sind acht Hundertschaften zur Stelle. Aber sie werden von den Neugierigen zahlenmäßig bei weitem übertroffen.