Nach einer Sage ist die Halbinsel Mamaia an der rumänischen Schwarzmeerküste durch ein Wunder entstanden: Türkische Räuber verschleppten eine rumänische Prinzessin, um sie per Schiff über das Schwarze Meer in die ferne Türkei zum wartenden Pascha zu bringen. Das Töchterlein der Prinzessin, das zurückbleiben sollte, lief der Mutter nach bis tief hinein ins Meer und rief klagend: „Mamaia, Mamaia!“ Beinahe wäre das kleine Mädchen ertrunken, doch da erbarmten sich die Götter: Eine Landzunge schob sich durch die Wellen und hob die kleine Prinzessin wieder auf festen Boden. Die Türken sahen das Wunder und flohen mit Grausen. (Die Prinzessin ließen sie wieder frei.)

Die Türken, im Mittelalter Herren der rumänischen Schwarzmeerküste, schufen die idealen Voraussetzungen für das rumänische Ferienparadies von heute. Als echte Feudalherren verzichteten die Eroberer darauf, das gewonnene Land zu besiedeln. Sie nutzten den Küstenstreifen nur strategisch, zur Sicherung ihrer Herrschaftspositionen. Die alte römische Handelsstadt Tomis, das heutige Konstanza, träumte jahrhundertelang als Provinznest ohne Bedeutung dahin. Dazu kamen ein paar verschlafene Fischerdörfer. Das wurde erst anders, als die Rumänen, zur Nation vereint, ihr Schicksal selbst bestimmten und entdeckten, welche ungehobenen Schätze der Sandstrand am Schwarzen Meer bot. Jetzt zahlte sich die türkische Kolonialpolitik aus: Das praktisch unbewohnte Land brauchte nur erschlossen und bebaut zu werden.

Und so entstanden, auf dem Reißbrett bis in das letzte Detail vorgeplant, die rumänischen Touristenstädte von heute: Unterkunft-Maschinerien, die Platz für gleichzeitig 100 000 Touristen bieten. Allein für diese Sommersaison wurden 15 000 neue Plätze, geschaffen. Bis 1975, so berichtet Vasile Trandafir, Direktor der staatlichen Hotelunternehmen an der Schwarzmeerküste, will man insgesamt 150 000 Plätze in Hotels, Pensionen und Bungalows anbieten. In der rumänischen Außenhandelsbilanz schlagen sich, solche Angebote positiv nieder: Im vergangenen Jahr flössen rund 50 Millionen Dollar an konvertierbarer Währung in das Land. Das sind nur die Beträge für Hotelbuchungen, die mit den Reiseveranstaltern verrechnet wurden. Ein Betrag in gleicher Höhe dürfte von den Touristen direkt ausgegeben worden sein. Diese enormen Beträge helfen mit, ein Land, das bis vor wenigen Jahren noch reines Agrarland war, zu industrialisieren. Erfolge haben sich bereits eingestellt: 1970 schaffte Rumänien in nur 24 Tagen den Gesamtwert der Industrieproduktion des ganzen Jahres 1938.

Aber das Urlaubsparadies Rumänien ist ein Paradies mit kleinen Fehlern. Der enorme Aufschwung des Fremdenverkehrs, der Wunsch nach noch mehr Betten, noch mehr Devisen ließ den Komfort im Detail oft verkümmern. Rund 80 Prozent der West-Touristen an der rumänischen Schwarzmeerküste kommen aus der Bundesrepublik, und man braucht am Strand nur den nächstbesten bundesrepublikanischen Urlauber nach seinen Beschwerden zu fragen, schon sprudelt er los: Nirgendwo ist Obst zu kaufen, das Bier ist auch immer knapp. In einem Hotel, so hörten wir, haben deutsche Gäste erst dann ihr gewohntes Feierabend-Bier bekommen, als sie sich mit einer von allen Gästen unterzeichneten Beschwerdeliste an die Hotelleitung wandten. Sobald Urlauber auf die einheimische Bürokratie angewiesen sind (wenn zum Beispiel das Gepäck mit dem Flugzeug nicht rechtzeitig angekommen ist), gehen die Touristen auf eine Tour der Leiden à la Romania: Sprachschwierigkeiten, uninformierte Beamte, Versprechen, die nie gehalten werden. Und ein Besuch beim Arzt, der laut Prospekt nichts kosten dürfte, ist nur bei Barzahlung in Deutscher Mark oder Strumpfhosen- und Nylonhemden-Währung erfolgreich.

Nach Sonnenuntergang gleichen die riesigen Hotelstädte an der rumänischen Schwarzmeerküste in etwa der hamburgischen City nach 21 Uhr: Es fehlt der Pep. Leere Straßen und Wege, kaum Vergnügungslokale. Nur in wenigen Restaurants und noch weniger Bars ist Betrieb, am Strand seufzen Liebespaare. Wer sich in Mamaia unterhalten will, kann im Café Oriental türkische Bauchtänzerinnen ansehen (die in Wirklichkeit als ausgebildete Tänzerinnen von Bukarest an den Strand fahren und dort das für rumänische Verhältnisse unerhört hohe Einkommen von 3000 Lei pro Monat erzielen) oder aber ein etwas gewagteres Programm in der Melodie-Bar verfolgen. Aber niemand sollte scharfen Strip erwarten: Der Hunger nach West-Devisen ist nicht so groß, daß dadurch die sozialistische Sexualmoral ins Wanken geraten würde. Nur direkt, so versicherte uns ein rumänischer Experte, geht es einfacher, nach dem Motto: „Die Liebe ist das Billigste in Rumänien.“

Und dann noch Folklore. Irgendjemand, der einmal bayerische Buam vor Touristen Schuhplattlern sah oder Tiroler jodeln hörte, muß den Rumänen erzählt haben, daß Folklore touristenfördernd sei. Und so singen, tanzen und musizieren sie – man kann der rumänischen Folklore nicht entgehen. Dabei ist alles so perfekt (auch hier sind Profis am Werk), daß die Volkstanzgruppen der Deutschen Jugend des Ostens in Rumänien noch etwas lernen könnten; Unterschiede sind sowieso nur von intimen Folklore-Kennern herauszufinden. Es geht die Mär, daß in den transsilvanischen Bergen, dem früheren Siebenbürgen, wo einst Graf Dracula herrschte, alle Vampire längst verschwunden sind. Sie flohen vor dem entschlossenen Einsatz der Volkstanzgruppen.

Aber Urlauber, die ihre zwei bis drei Wochen Ferien im Jahr nicht unbedingt als großes, unwiederbringliches Abenteuer gestalten wollen, die sich nur erholen, sonnen und nur baden wollen: für all diese Urlauber ist die rumänische Schwarzmeerküste richtig. Denn die staatliche Planung en gros hat, trotz aller Unzulänglichkeiten en detail, viele Pluspunkte. Die goldene Regel der rumänischen Baumeister, daß pro Urlauber wenigstens zehn Quadratmeter Strand zur Verfügung stehen müssen, verhindert immerhin, daß beim Sonnenbaden Tourist neben Tourist liegt. Auch die Unsitte in westlichen Ländern, bestimmte Strandpartien für bestimmte Hotels zu reservieren, gibt es in Rumänien nicht (mit einer Ausnahme: der Club Méditerranée hat einen eigenen Strand). Und alle Urlauber, auch jene aus den billigsten Hotels, können die Schwimmbäder der teuren Hotels besuchen.