Stille Tage in Paris, Paris im August, an einem Sonntag. Unheimlich, eine tote Stadt. Das Deux Magots macht seine Sommerpause, und nebenan im Flor dösen Touristen. Notre-Dame in hellem Gelb, wenn man das zum erstenmal sieht, ist man schockiert, die Kirche ist viel kleiner geworden, aus dem Spielbaukasten; später, wenn die Sonne tief steht, ist man mit Malraux versöhnt, so hell hat das alles früher mal ausgesehen, und es wird schon wieder nachdunkeln.

Paris im August ist eine andere Stadt, eine neue Stadt, aber nicht ohne die Attraktivität des Unbekannten. Man kann mit Genuß Auto fahren, man kann parken, wo man will. Die Straßen sind leer. Will man Menschen sehen, muß man ins Museum gehen.

Im Louvre gibt es ein bi-centenaire für François Boucher, mit einjähriger Verspätung, der Maler ist im Mai 1770 gestorben. Sehr hat sich der Louvre für den so sehr Liebenswürdigen und Liebenswerten nicht in Unkosten gestürzt. Im Pavillon de Flor sind die Bilder ausgestellt, die ohnehin dem Louvre gehören und die ihn als den Meister des galanten Genres ausweisen, diese endlosen, glatt und gefällig gemalten Mythologien Venus und Vulkan und so weiter, dazu die schmachtend sentimentalischen Pastoralen, am schönsten, mit Abstand, sind die drei scenes intimistes, „Das Frühstück“ und „Der Maler im Atelier“ und die rundum appetitliche „Odaliske“. Auf Leihgaben hat man verzichtet, nichts aus der immens reichen Wallace Collection, nichts aus München, das den schönsten Boucher besitzt, das „Ruhende Mädchen“.

Im Musée National d’Art Moderne dann die obligate Centenarausstellung, auf die jeder Altmeister der Moderne Anspruch hat. Im vorigen Jahr war Matisse, jetzt ist Rouault an der Reihe. Matisse und Rouault, beide saßen einmal in der gleichen Klasse, bei Gustave Moreau, aber das ist auch alles, was sie gemeinsam haben. Moreau muß ein sehr guter, ein ungewöhnlich toleranter Lehrer gewesen sein, wenn sich seine Schüler derart extrem gegensätzlich entwickeln konnten. Er habe sie gelehrt, berichtet Rouault, „eine gewisse innere Vision zu respektieren“ und daß es besser sei, „sich auf seine eigene Art als auf die eines anderen zu täuschen“.

Der Unterschied zwischen den beiden Centenarien ist eklatant. Die Ausstellung für Matisse hat seinen Rang in triumphaler Weise bestätigt, bei Rouault verhält es sich nicht geradezu umgekehrt, aber die Ausstellung zwingt zu entscheidenden Korrekturen im Urteil. Man wird ihn anders sehen, nüchterner, kritischer als bisher, ohne den Nimbus von Andacht und religiöser Verehrung, mit dem seine Gemeinde das Werk verklärt und der sachlichen Kritik entzogen hat.

Rouault ist, um die Matissesche Definition der Kunst aufzunehmen, kein Lehnstuhl, in dem man sich ausruhen kann. Er ist unbequem, hart, schwierig, der vielleicht schwierigste Fall in der Kunstgeschichte unseres Jahrhunderts, ein psychologisches Rätsel. Gewiß, viele Künstler, die meisten Künstler haben stärkere und schwächere Perioden. Viele fangen grandios an und bleiben hinter ihren Möglichkeiten zurück. Über das Spätwerk mancher Wegbereiter breitet man respektvoll den Mantel des Schweigens. Aber daß ein Künstler so radikal mit seiner Vergangenheit bricht, daß er für den Rest seines Lebens, für vierzig Jahre in eine Sackgasse gerät, ist ohne Beispiel.

Das Frühwerk, die Aquarelle und Gouachen aus den Jahren 1897 bis ungefähr 1912, hat man noch nie so gut und so vollständig gesehen wie jetzt in Paris, die Blätter kommen größtenteils aus französischem Privatbesitz. Daß man ihn mit diesen Bildern unter die Fauvisten einreihte, war ein Irrtum. Seine Palette ist dunkel, sein Schwarz ist das Negativ zum Fauvismus. Er malt in Schwarz und Nachtblau, das durch grelles Weiß unterbrochen wird, hektisch erregte Szenen aus der Pariser Vorstadt, Kleinbürger, Dirnen, Akrobaten, Clowns, Richter und ihre Opfer auf der Anklagebank. Unglaublich schöne Skizzen, zwischen Karikatur und realistischem Genre, zwischen Daumier und Zille. Es ist Rouaults großer Moment, seine Schwarze Periode, die sich, nicht nur wegen der annähernd gleichen Bildinhalte, mit Picassos Blauer Periode vergleichen läßt, die sich künstlerisch durchaus mit ihr messen kann.