Sorge für Schiller: Das Floating wehrt „heißes Geld“ ab, bringt aber zunehmend Schwierigkeiten für die Exportindustrie

Nun ist eingetreten, womit bei der Freigabe des Wechselkurses der Mark wohl niemand gerechnet hatte: Der Kurs des Dollars ist vorübergehend sogar unter die Grenzmarke von 3,40 Mark gefallen. Die meisten Experten hatten vorausgesagt, daß sich der Dollarkurs bei etwa 3,50 Mark einpendeln werde, als unterste Grenze galten 3,45 oder allenfalls 3,40 Mark. Aber in den letzten Tagen ist der Dollar beinahe von Stunde zu Stunde weniger wert geworden – jedenfalls in Mark ausgedrückt.

Ausgelöst wurde der neueste Schwächeanfall der amerikanischen Währung durch Diskussionen über eine mögliche Neufestsetzung der Währungsparitäten. Ein Unterausschuß des Kongresses in Washington hat den USA und dem Währungsfonds eine Abwertung des Dollars empfohlen. Die Regierung beeilte sich mit der Erklärung, sie habe nicht die Absicht, über eine Neufestsetzung der Parität auch nur zu diskutieren – konnte aber nicht verhindern, daß sich die Flucht aus dem „Abwertungskandidaten“ Dollar verstärkte (siehe auch die Beiträge von Jean Lecerf und Kurt Wendt auf Seite 30: „Droht der internationale Konkurs?“).

Das Dementi aus Washington ist an sich durchaus glaubhaft. Eine Abwertung des Dollars würde nicht nur den Bruch feierlicher Versprechungen Richard Nixons und seiner Vorgänger im Präsidentenamt bedeuten, sondern auch allen Traditionen amerikanischer Wirtschaftspolitik widersprechen. Wahrscheinlicher ist, daß die USA „das Fenster dichtmachen“ (also Verkauf von Gold an fremde Zentralbanken einstellen) oder ihren politischen Einfluß geltend machen, um europäische Länder und Japan zu einer „konzertierten Aufwertung“ zu veranlassen.

Die internationale Spekulation läßt sich freilich durch solche Hinweise kaum beeindrucken. Sie will „aus dem Dollar heraus“ – zumal auch eine Aufwertung anderer Währungen Verluste bedeuten würde. Allerdings werden die Fluchtwege mehr und mehr verstellt: Nach Frankreich hat jetzt auch die Schweiz, wenn auch in milder Form, administrative Abwehrmaßnahmen gegen die-Dollarflut getroffen.

Der Hauptleidtragende der neuen Dollarkrise aber ist ausgerechnet das Land, das sich durch Freigabe seines Wechselkurses vor allen Spekulationswellen sicher fühlte: die Bundesrepublik. Zwar bietet das Floating perfekten Schutz vor dem Zufluß „heißen Geldes“ – aber eben nur um den Preis ständig weiter sinkender Kurse des Dollars und aller anderen Währungen (von dem „mitschwankenden“ Gulden abgesehen). So bedeutet die Dollarschwäche eine ständig größer werdende gleitende Aufwertung der Mark, die früher oder später zu ernsten Schwierigkeiten für die deutsche Exportindustrie führen muß.

Es ist kein Geheimnis, daß Karl Schiller zunächst mit der Politik der Bundesbank unzufrieden war. Der Wirtschafts- und Finanzminister hätte im Mai gerne einen stärkeren Druck auf den Dollarkurs gesehen. Jetzt aber muß Schiller Angst vor der eigenen Courage bekommen: Bei der sich spürbar abkühlenden Konjunktur könnte ein zu starker Aufwertungseffekt (der uns im Export Aufträge und Erlöse kostet) am Ende doch den Absturz in eine Rezession bringen.