Jean Lecerf, Spezialist für Währungsfragen, ist Brüsseler Korrespondent der Pariser Zeitung „Le Figaro“ und Autor des Buches „L’or et les monnaies – histoire d’une crise“ (Gold und Geld – Geschichte einer Krise, 1969).

Die währungspolitischen Ereignisse der jüngsten Vergangenheit waren Alarmsignale. Unser gesamtes internationales Währungssystem basiert auf dem Dollar. Und gerade dieser Dollar ist ernstlich krank. Doch vorläufig leben wir noch ganz gut – trotz der Krankheitssymptome.

Welcher ernst zu nehmende Experte hätte vor zehn Jahren gesagt, daß die internationalen Zinssätze zu bestimmten Zeiten 12 Prozent überschreiten könnten, ohne daß dadurch Handel und Industrie ernstlich gefährdet würden? Wer hätte vorhergesagt, daß man anschließend eine Kreditexpansion solchen Ausmaßes würde einleiten können, daß das Defizit der amerikanischen Zahlungsbilanz in drei Monaten die Hälfte der amerikanischen Goldreserven erreichen würde? Auf das ganze Jahr umgerechnet, entsprach das Defizit des ersten Vierteljahres 1970 einem Jahresfehlbetrag von 22 Milliarden Dollar. Trotzdem kam es zu keiner Katastrophe.

Gewiß, wir haben Spekulationskrisen erlebt, die zur Abwertung des Pfundes und des Franc führten, eine Spaltung des Geldmarktes erzwangen und zur Aufwertung und später zur Kursfreigabe der Mark führten. Gewiß, das Wachstum der amerikanischen Wirtschaft verlangsamte sich derart, daß die Industrieproduktion im Juni 1970 trotz aller Ankurbelungsversuche immer noch um 4 Prozent unter dem Vorjahresniveau lag. Großbritannien und Italien erlebten ebenfalls eine „Stagflation“, nämlich einen relativen Rückgang der Industrieproduktion zusammen mit einem starken Lohn- und Preisanstieg. Konkurse und Liquiditätsprobleme einiger Großunternehmen unterstreichen die Gefahr ...

Diese Symptome haben jedoch noch nicht das Ausmaß einer Krise erreicht – mit hoher Arbeitslosigkeit, Serienkonkursen und katastrophalen Kursstürzen an den Börsen. Noch sieht man ohne allzu tiefes Mißtrauen in die Zukunft. Die Verantwortlichen in Amerika glauben weiterhin, daß sie die Gefahren des währungspolitischen Ungleichgewichts geringschätzen können. Erst die jüngste Dollarkrise und das Defizit in der Handelsbilanz der USA haben einige Politiker unruhig gemacht.

Zwei Schlußfolgerungen sind möglich:

  • Die Weltwirtschaft ist anpassungsfähiger und vitaler als man eigentlich voraussehen konnte.
  • Wir durchlaufen eine gefährliche Phase. Um die Expansion zu beschleunigen, haben wir große Risiken auf uns genommen. Bisher gab es zwar Schwierigkeiten, aber sie haben denen noch nicht unrecht gegeben, die den Mut zum Risiko hatten und denen Wachstum wichtiger war als Gleichgewicht.