Als Tschou En-lai am 14. April in Peking die amerikanische Pingpongmannschaft begrüßte, sprach der chinesische Ministerpräsident von einer „neuen Seite im Buch der chinesischamerikanischen Beziehungen“. Rasch folgten, vom stoßkräftigen Wind des Wechsels aufgeblättert, weitere Seiten: Im Juni fielen die zwei Jahrzehnte alten Embargoschranken des amerikanischen Chinahandels; am 15. Juli kündigte Präsident Nixon seine sensationelle Pekingreise an; am 2. August gab US-Außenminister Rogers bekannt, daß die Vereinigten Staaten in der kommenden UN-Debatte für die Aufnahme der seit dem Koreakrieg geächteten Volksrepublik China in die Weltorganisation stimmen werden.

Während der neue weltpolitische Realismus sein Flutlicht über das eine, das kommunistische China Mao Tse-tungs wirft, senkt sich der Schatten über das andere China des greisen Tschiang Kai-schek. Zwar galt der 84jährige Generalissimus schon längst nicht mehr als jener „hervorragende Staatsmann“, den das Time Magazin 1937, nach dem Angriff der Japaner gegen China, als „Mann des Jahres“ auf die Titelseite setzte; auch nicht mehr als der charismatisch ausstrahlende Führer, von dem der heutige US-Senator Mansfield 1945 nach einer China-Inspektion begeistert schrieb: „Er allein kann mit der gegenwärtigen Lage fertig werden, denn er ist China.“ Aber erst jetzt setzt sich die Erkenntnis durch, daß er es nicht konnte – weil er eben nicht länger China war.

Die Kraft, gegen Maos Festlandherrschaft einen ernst zu nehmenden Gegenpol und eine überzeugende Alternative zu bilden, hat Tschiang Kai-schek, der seit 1949 auf Formosa festgenagelte „Präsident der Republik China“, nie mehr besessen. Sein an die Leine der amerikanischen Schutzmacht gelegter Alleinvertretungsanspruch für ganz China wurde allerdings respektiert. Aber auch damit ist es jetzt vorbei. Noch zu seinen Lebzeiten ist er so zu einem am Seitenweg der Weltgeschichte abgestellten Denkmal erstarrt.

Freilich, Tschiang Kai-schek ist nicht der Mann, der aufgibt. Hinter seiner chinesischen Schlitzohrigkeit, hinter der asketischen Versponnenheit eines konfuzianischen Salazar und dem arrogant-autoritären Sendungsbewußtsein eines fernöstlichen de Gaulle steckt als Kern seines Wesens eine nicht klein zu kriegende Kämpfernatur. Der goldene Inselkäfig auf Taiwan wird für ihn allen Gitterstäben zum Trotz das „Adlernest“ von Tschungking bleiben, aus dem er, eingekesselt von den Japanern, einen Tag nach Pearl Harbor an Präsident Roosevelt kabelte: „Wir werden zusammenhalten, bis der Pazifik und die ganze Welt vom Fluch der rohen Gewalt und abgrundtiefen Gemeinheit befreit ist.“

Ausweglose Situationen hat es im Überlebenskampf des zähen Marschalls gegen Mandschu-Dynastie, Provinzrivalen, Japaner und Maos Kommunisten viele gegeben. Die Versuchung der Resignation ist Tschiang Kai-schek nicht fremd. Immer wieder hat er aber gekontert mit jener für ihn so bezeichnenden Mischung von kaiserlichem Pathos, revolutionärem Verzweiflungsmut und unbeirrbarem Glauben an das Unglaubliche. Den Beinamen Kai-schek legte er sich in den Reihen der um Sun Yat-sen gescharten jugendlichen Revolutionäre zu, mit denen er 1911 von der japanischen Militärakademie aufs chinesische Festland zurückkehrte. Kai-schek heißt „zwischen den Felsen“.

Bei einem Besuch der Nordostarmee in Sian geriet der Generalissimus im Dezember 1936 in die Hände kommunistenfreundlicher Militärs. Nach einem waghalsigen Fluchtversuch in die winterlichen Berge wurde er gefangengenommen. Unter Todesdrohungen sollte er Forderungen unterschreiben, die zugunsten der Kommunisten seine persönliche Macht und die der regierenden Kuomintang-Partei ernsthaft beschnitten hätten. Er weigerte sich und hielt seinen Widersachern im Verhör entgegen: „Ich bin euer Vorgesetzter, und ihr seid Rebellen. Ihr könnt meinen Kopf abhauen und meinen Körper verstümmeln, ich aber muß die Ehre der chinesischen Rasse bewahren und Ruhe und Ordnung aufrechterhalten. Auf meiner Seite stehen die Prinzipien der Rechtschaffenheit, sie sind meine Verteidigungswaffen.“ Und in sein Tagebuch schrieb der nach seiner Heirat mit einer chinesischen Methodistin zum Christentum bekehrte Tschiang Kai-schek während der Haft: „Ich muß in mir denselben Geist bewahren, der Jesus Christus zum Kreuz geführt hat.“