Seit November vorigen Jahres schien die Welt für den Börsenlaien „heil“ zu sein. Damals verkündeten Mitglieder der Börsensachverständigenkommission ihre Empfehlungen zum sogenannten Insider-Problem. Freiwillig sollten sich die gewerbsmäßigen Anleger auf dem Wertpapiersektor, die Händler und Kundenberater der Kreditinstitute sowie Vorstände und Aufsichtsräte den von der Kommission aufgestellten Insider-Regeln unterwerfen. Es entstand der Eindruck, gefördert durch unkritische Zeitungsartikel über die Arbeit der Börsensachverständigenkommission, daß mit diesen Empfehlungen das Insider-Problem nunmehr gelöst sei.

Wie aber so oft in der jüngeren Vergangenheit war wieder mit heißer Nadel an einer „Reform“ genäht worden. Im Bundeswirtschaftsministerium brauchte man vorzeigbare „Erfolge“, und die Vertreter des Kreditgewerbes in der Kommission schienen schon deshalb mit den „Empfehlungen“ einverstanden gewesen zu sein, weil sie „gesetzlich“ nicht verankert werden sollten. So wurde man sich rasch einig, ohne zu bedenken, daß der Teufel auch hier im Detail steckt. Darüber haben wir, meine verehrten Leser, im November („Schweigen auf Ehrenwort“) ausführlich gesprochen. Ich hatte Ihnen damals gesagt, daß es eine Illusion ist, eine wirklich perfekte Insider-Regelung zu erwarten. In den USA verucht man schon seit Jahrzehnten zu verhindern, daß Personen, die im Rahmen ihrer dienstlichen Tätigkeit Kenntnis von Dingen erhalten, die sich positiv oder negativ auf einen bestimmten Börsenkurs auswirken können, diese Kenntnisse für sich selbst und zum Schaden anderer ausnutzen. Obwohl in den USA immer wieder von Insider-Verfahren die Rede ist, wird jeder Kenner bestätigen können, daß es dort noch genug Maschen gibt, durch die ein Insider schlüpfen kann.

Es ist ein Verdienst der Hanseatischen Wertpapierbörse in Hamburg, in ihrem Jahresbericht darauf hingewiesen zu haben, daß auch die deutschen Insider-Regeln nicht perfekt sind und wohl auch nie sein werden.

Den Juristen und Börsensachverständigen war dies von vornherein klar. Nicht umsonst beschlossen die Börsenaufsichtsbehörden der Länder, keine Regelung in den Börsenordnungen zu genehmigen, wonach den Börsenorganen eine Tätigkeit bei der Überwachung oder Verfolgung von Insider-Mißbräuchen gestattet wird. Dem in den Insider-Empfehlungen vorgesehenen Schiedsgericht fehlt eine tragbare Rechtsbasis. Die Börsen sehen bei einer direkten Beteiligung ihrer Organe an der Verfolgung von Insider-Verstößen möglicherweise beträchtliche Schadensersatzansprüche auf sich zukommen.

Inzwischen haben sich die Spitzenverbände des Kreditgewerbes und der Industrie darauf, geeinigt, bei den Börsen, aber nicht innerhalb der Börsenorgane, Prüfungsausschüsse zu bilden, die im Auftrag und für Rechnung der beteiligten Spitzenverbände tätig werden.

Jetzt muß man sich aber noch darüber streiten, wer denn eigentlich Insider ist. Nach der Definition der vorliegenden Empfehlungen umfaßt der Insider-Kreis zum Beispiel alle Angestellten börsennotierter Gesellschaften, nicht jedoch diejenigen, die durch anderweitige Vertragsbeziehungen zu den Unternehmen Insider-Kenntnisse erlangen können. Nach Ansicht der Hanseatischen Wertpapierbörse müßten auch Wirtschaftsprüfer und andere Sonderberater, die Druckereien von Geschäftsberichten, eventuell sogar Lieferanten von Investitionsausrüstungen beim Vertragsabschluß von den Emittenten zur Einhaltung der Insider-Regeln verpflichtet werden-,

Kann aber der Inhaber einer Druckerei die Verantwortung dafür übernehmen, daß einer seiner Arbeiter oder Angestellten nicht doch aus der Reihe tanzt? Und wie ist es, wenn jemand im Bekanntenkreis ganz arglos erklärt, die Firma X habe bei seinem Unternehmen diese oder jene Maschine bestellt, und wenn dann ein Zuhörer daraus Schlüsse für die mögliche Börsenentwicklung des betreffenden Papiers zieht? Wir sollten uns also hüten, weite Kreise der Bevölkerung zu „Geheimnisträgern“ zu machen.