Der Stahlmarkt ist wieder international im Gespräch. Unmittelbar im Anschluß an die Einigung im Tarifstreit der amerikanischen Stahlindustrie (Lohnerhöhung um 31 Prozent in den nächsten drei Jahren) kündigten die führenden Produzenten US Steel und Bethlehem Steel Preiserhöhungen von durchschnittlich, acht Prozent an, die stufenweise bis zum 1. Dezember dieses Jahres wirksam werden sollen.

Doch Hoffnungen in der deutschen Stahlindustrie, von den US-Preiserhöhungen in Form steigender eigener Exporterlöse zu profitieren, gehen nicht auf. Spekulationen auf bessere Absatzchancen der deutschen Stahlindustrie während eines amerikanischen Stahlarbeiterstreiks waren ohnehin gegenstandslos, weil sich Händler und Verbaucher in der Regel bevorraten. Nach der Vermeidung des Streiks ist die Nachfrage in den USA so stark gesunken, daß einige Stahlproduzenten Arbeiter vorübergehend entlassen haben.

Bessere Absatzchancen für Ausländer hätten sich in den USA frühestens nach dreimonatiger Streikdauer ergeben, sofern die amerikanische Regierung auf die freiwillige mengenmäßige Selbstbeschränkung der Exporte der europäischen und japanischen Stahlindustrie verzichten würde. Die Japaner und Europäer haben sich verpflichtet, die Zuwachsraten ihrer US-Exporte auf jährlich fünf Prozent zu beschränken.

Auch wenn von der ersten Septemberwoche an bei der staatlichen British Steel Corporation, deren Werke rund sieben Achtel der britischen Stahlindustrie stellen, die 15 000 Hochofenarbeiter (Lohnforderung: zehn Prozent) streiken, wird die deutsche Stahlindustrie kaum Nutzen davon haben. Die Exporterlöse der deutschen Stahlhersteller sind mit dem Abflachen des Booms in der zweiten Jahreshälfte 1970 bei Massenstählen um durchschnittlich fünf Prozent oder rund 30 Mark je Tonne – zurückgegangen. Weniger, als ursprünglich befürchtet wurde. Das hängt vor allem mit der ersten Preisänhebung für US-Stahl zusammen.

Die deutschen Stahlproduzenten sind vor allem wegen der starken Kostenexpansion an einer Verbesserung der Exporterlöse interessiert, nachdem die Produktion – bei. einem ‚Exportanteil von etwa einem Drittel – im ersten Halbjahr 1971 ohnehin um 10 Prozent zurückgegangen ist: Über das ganze Jahr 1971 gerechnet, wird der Produktionsrückgang allerdings nicht dieses Ausmaß erreichen, da das zweite Halbjahr 1970 bereits im Zeichen des Konjunkturabschwungs stand. Voraussichtlich wird die Produktion etwa fünf bis sechs Prozent unter der Vorjahreserzeugung von 45 Millionen Tonnen liegen.

Die Exportbeschränkung für das Geriet der Vereinigten Staaten soll auch nach dem Auslaufen der gegenwärtigen Vereinbarung Ende dieses Jahres fortgesetzt werden. Die Ausnutzung aller Marktchancen in den USA nämlich würde den protektionistischen Kräften neuen Auftrieb geben, die gegenwärtig Am Kongreß wieder, Importquoten durchzusetzen versuchen. mh