Von François Bondy

Marcel Proust, der einen Essay über den Stil Gustave Flauberts veröffentlicht hat, plante ein Buch – halb Essay, halb Roman – gegen Sainte-Beuve, den großen Kritiker des neunzehnten Jahrhunderts, der Balzac, Stendhal, Flaubert verkannt hat und von Baudelaire wohlwollend überlegen bemerkte: „Er ist im Grunde ein guter Junge.“ Sainte-Beuves biographisch anekdotische Annäherungen an Schriftsteller hielt Proust für einen bekämpfenswerten Unsinn, und es ist merkwürdig, daß eben der von Proust so hochgeschätzte Flaubert zu solchen Versuchen gereizt hat. Denn von Baudelaire, Henry James, Zola und Maupassant bis zu Ezra Pound, Eliot und Joyce haben Romanciers und Dichter in Flaubert den Schöpfer eines neuen literarischen Ausdrucks verehrt, sich zum Teil als seine Erben verstanden – das reicht bis zu Robbe-Grillet und Nathalie Sarraute, die 1965 schrieb: „Flaubert, unser aller Lehrmeister.“ Keiner dieser Schriftsteller aber fand es notwendig, Flauberts Bücher mit seinem Leben zu konfrontieren.

Nicht, daß irgendwem die Vita eines so großen Schriftstellers gleichgültig sein könnte, nicht, daß es prinzipiell ungehörig oder unwichtig wäre, sie genau zu kennen. Aber der Bruch mit einer Erzählertradition hat sich nur im Werk, nicht in Flauberts Leben abgespielt und ist nur im Werk – Flauberts Selbstzeugnisse in seiner ausgedehnten Korrespondenz gehören dazu –, nicht in den Familienumständen des zweiten Sohns eines angesehenen Chirurgen in Rouen oder in seiner unerfüllten Liebe zur Mutter Elise Schiessinger zu finden.

Flaubert hat als erster nicht nur Personen, sondern Ideen und Schablonen zu den Motiven seiner Romane gemacht und in den Mittelpunkt nicht Handelnde, sondern Unhelden, Getriebene, Scheiternde, Substanzlose gestellt. Er sah den Roman teils als Wissenschaft von typischen Erscheinungen, teils als eine philosophische Satire aller Wissenschaft, sah in seiner Kunst einen Fortschritt und verhöhnte zugleich jeden Glauben an Fortschritt. Diese und andere konstituierende Formen und Paradoxe des Werkes sind in der Biographie, sofern sie nicht Geschichte des Schreibenden und seiner Arbeit ist, nicht angelegt, nicht aus ihr zu deduzieren.

Seltsam ist auch, daß die bescheidene, durch viele Zitate aus den Briefen und aus Zeugnissen von Zeitgenossen lesenswerte Biographie von

Enid Starkie: „Gustave Flaubert“, aus dem Englischen von Rosemarie Winterberg; Ciaassen Verlag, Hamburg/Düsseldorf; 448 S., 32,– DM

und Jean-Paul Sartres Flaubert-Studie von monströsen Proportionen („L’idiot de la famille“, Gallimard – die ersten beiden der vier geplanten Bände umfassen 2136 Seiten großen Formats) bei „Madame Bovary“ einhalten, nicht über sein sechsunddreißigstes Jahr hinaus am Schriftsteller interessiert sind, der immerhin sechzig wurde, und daß sie die „Erziehung des Herzens“ und „Bouvard und Pécuchet“ beiseite lassen, und das, obwohl das Leben des Rentiers, den der Gatte seiner Nichte in seinen letzten Jahren in den Ruin stürzte, erschütternder war als zuvor (Sartre evoziert immerhin diese letzten Jahre in einem Exkurs) und die beiden eben genannten Werke die spätere Literatur noch stärker beeinflußt haben als „Madame Bovary“.