Von Jürgen Werner

Fußballkriminalität in Deutschland – so könnte die Schlagzeile für den Beginn der neunten Bundesligasaison am 14. August lauten. Denn nach dem Geständnis des Stuttgarter Spielers Hans Arnold, er und seine Mannschaftskameraden Eisele und Weiß hätten 45 000 Mark für die Niederlage gegen Bielefeld am vorletzten Spieltag der letzten Bundesligasaison kassiert – damit wurde das sportliche Ergebnis von 34 Spieltagen manipuliert, denn Offenbach stieg ab, nicht Bielefeld –, erscheinen der erste Fußballprozeß in Frankfurt am 23. und 24. Juli und seine Urteile in einem anderen Licht.

Schon im Juni waren fast 80 Prozent der Bundesbürger – laut einer Umfrage der Wickert-Institute – der Meinung, der Fußballsport in der Bundesliga sei diskreditiert, die aufgedeckten Affären keine Einzelfälle. Jetzt im August erfolgt eine makabre Bestätigung des „gesunden Volksempfindens“. Rot-Weiß Essen – neben Offenbach der zweite Absteiger – zog bereits die Konsequenzen aus den vorliegenden Tatbeständen und forderte die Annullierung der manipulierten Spielergebnisse und damit die eigene Wiederaufnahme in die Bundesliga. Andernfalls werde der Deutsche Fußball-Bund (DFB) auf eine Million Schadenersatz verklagt.

Verfassungsklage gegen den DFB erwägt die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG), in der 80 Prozent der in den Bundesligavereinen aktiven Fußballspieler organisiert sind, mit dem Argument, das in Artikel 12 des Grundgesetzes garantierte Recht auf freie Berufswahl sei mit dem Entzug der Lizenz auf Lebenszeit für die Spieler Manglitz von Köln und Wild von Berlin – er wurde durch einen Bielefelder Gastwirt erneut schwer belastet, 250 000 Mark erhalten zu haben – in unzulässiger Weise eingeschränkt.

Selbst die Bundesregierung wurde durch den Abgeordneten Wolfgang Vogt von der CDU/CSU-Fraktion aufgefordert, dazu Stellung zu nehmen, ob Verfassungsordnungen der Sportgerichte des DFB rechtsstaatlichen Maßstäben genügten, wenn sie durch Berufsverbote die wirtschaftliche und bürgerliche Existenz eines Menschen nachhaltig beeinflußten. Fast gleichzeitig trafen sich Mitte Juli in Frankfurt Vertreter von 15 Städten, die einen Bundesligaverein besitzen, um über solidarische Maßnahmen bei Forderungen der Vereine nach Subventionen aus Steuermitteln zu beraten und Kriterien zu suchen, die eine Unterstützung gerechtfertig erscheinen lassen. Dazu zählen etwa die „Präsentation einer Stadt“ oder die „Freizeitgestaltung“ durch den Bundesligafußball.

Die wirtschafts- und gesellschaftspolitische Relevanz der mit dem Profifußball verbundenen Probleme – die wenigen Beispiele zeigen dies – zwingt nicht nur den DFB, sondern vor allem die betroffenen Vereine zu grundsätzlichen Überlegungen, die primär ihre Struktur und damit ihre Verwaltung und Führung betreffen. Das Zitat des Präsidenten des VfB Stuttgart, des Senators Hans Weitpert, der Vorstand sei „aus allen Wolken gefallen“, zeigt deutlich, daß Wirtschaftsunternehmen dieser Größenordnung, wie die Bundesligavereine sie darstellen, nicht mehr ehrenamtlich geführt werden können. Davon unberührt bleibt die von vielen Seiten angegriffene Aussage des Bundesligastatuts, auch der Profifußball werde auf der Grundlage des Amateursports ausgeübt. Nach sportlichen Aspekten interpretiert, das heißt der Idee – nicht der Ideologie – von der fairen sportlichen Auseinandersetzung folgend, kann dies nur bedeuten, allein der Wettkampf entscheidet über Sieg und Niederlage, Meisterschaft oder Abstieg. Des Spielers Arnold unreflektierte Äußerung, es sei alles nicht so tragisch, im Geschäftsleben werde soviel geschoben, ist doch kein Gegenbeweis. Die Übernahme und Anerkennung ökonomischer Prinzipien für die Spieler setzt doch nicht die sportlichen Regeln für das Spiel außer Kraft. Andernfalls denaturiert der sportliche Wettkampf zur reinen Schau.

Trau wem, diese Frage ist in den letzten Tagen und Wochen so oft gestellt worden, daß die Erklärung des Ehrenpräsidenten von Eintracht Braunschweig, Dr. Hopert – und Dr. Hopert ist ein ehrenwerter Mann –, fast anachronistisch erscheint. „Es sind doch nur junge, verführte Männer.“ Das eben sind sie nicht. Sie sind vielleicht überfordert, die ihnen von dem öffentlichen Interesse zudiktierte Rolle auszufüllen, ihren sozialen Status zu übersehen, ihn richtig einzuschätzen – Arnold zum Beispiel erklärte, sich jetzt eine berufliche Existenz aufbauen zu wollen – kurz: Das Selbstverständnis des Profifußballers in unserer Gesellschaft ist nicht einmal andeutungsweise fixiert –, aber die Verträge, die sie unterzeichnen, und die Zahlen sind ihnen durchaus geläufig. Damit – so Dr. Gösmann, der Präsident des DFB – erkennt er die Regeln des DFB an und unterwirft sich der Gerichtsbarkeit des Verbandes.