Zahnmediziner und Mineralogen streiten sich derzeit in Amerika über eine Frage, die gar nicht sie selber, sondern die Archäologen angeht, – über die Frage nämlich, wie man zum Beispiel von einem Ziegenknochen feststellen kann, ob er von einer wildlebenden oder von einer domestizierten Ziege stammt.

Knochenfunde bei Ausgrabungen vorgeschichtlicher Ansiedlungen werfen das Problem „Haustier oder Jagdbeute?“ immer wieder auf, und nichts käme den Archäologen mehr gelegen, als wenn sich solche Knochen zum eindeutigen Beweismittel für die Lebens- und Ernährungsweise der Menschen machen ließen.

Isabella Drew von der Columbia University in New York versuchte es bei der Fahndung nach einer praktikablen Unterscheidungsmethode zunächst mit der Analyse der in den Knochen vorhandenen Spurenelemente, die man mit großer Genauigkeit bestimmen kann. Unterschiedliche Futtergewohnheiten, so war ihre Vermutung, mußten sich auf den Gehalt an Spurenelementen auswirken. Aber nichts dergleichen konnte sie beobachten; zwischen den Knochen von wildlebenden Tieren und Haustieren der gleichen Art fand sie, was die Spurenelemente anging, keine signifikanten Unterschiede.

Das Grundmaterial der Knochen ist Kalziumphosphat, mineralogisch als Apatit bekannt, das hier in „kryptokristalliner“ Form vorliegt, das heißt in winzigen, mit bloßem Auge nicht erkennbaren Kristallen. Das brachte Isabella Drew auf den Gedanken, die Knochen einmal als ein sehr feinkörniges Gestein zu betrachten und die Methoden der Gesteinsanalyse darauf anzuwenden: Dünnschliff und Pulverprobe. Den Dünnschliff betrachten die Petrographen unter dem Mikroskop im polarisierten Licht, die Pulverprobe wird röntgenographisch analysiert; auf beiden Wegen erhält man nicht nur Aufschluß über die mineralogische Zusammensetzung des Gesteins, sondern auch über die Anordnung der kristallinen Bestandteile.

Um vergleichbares Untersuchungsmaterial zu haben und um zu vermeiden, daß sich geographisch oder zeitlich bedingte Unterschiede verzerrend auf die Ergebnisse auswirken könnten, benutzte Isabella Drew Knochenreste von zwei nahe beieinander liegenden archäologischen Fundpunkten, die in der Besiedlungszeit nur um 800 Jahre differieren, die sich aber, wie archäologische Kriterien zweifelsfrei ergaben, darin unterscheiden, daß an dem einen Ort, Erbaba in Anatolien, Haustiere gehalten und verzehrt wurden, während die Bewohner des 50 Kilometer entfernten Suberde sich von der Jagd auf wildlebende Rinder, Schafe und Ziegen ernährten. Alle Vergleiche wurden stets an den gleichen Knochen der gleichen Tierart vorgenommen.

Zunächst stellte Isabella Drew Dünnschnitte her und untersuchte diese im polarisierten Licht mit einem zwischengeschalteten Gipsplättchen. Die Anordnung bewirkt charakteristische Farbänderungen, je nachdem, ob die Kristalle der Probe regellos durcheinander liegen oder aber nach einer Richtung orientiert sind; Eindeutig und ausnahmslos zeigte sich bei den Knochen der Wildtiere aus Suberde, daß die prismenförmigen Apatitkristalle ungerichtet durcheinander lagen, während sie in den Knochen der Haustiere aus Erbaba jeweils nach einer Richtung hin orientiert waren: Im Gelenk standen sie mit ihren Längsachsen senkrecht zur Außenfläche des Knochens, im übrigen Knochen waren sie radial angeordnet, und zwar mit der Längsachse parallel zur Längsachse des Knochens.

Die Röntgenuntersuchung bestätigte diese Befunde: Feinpulverisiertes Material, bei dem also die ursprüngliche Kristallanordnung zerstört war, zeigte bei allen Tierarten und allen Knochen stets die gleichen Werte, das heißt alle Proben waren untereinander in ihrer chemischen Zusammensetzung gleich. Die Röntgenuntersuchung der Schnitte aber ergab Werte, aus denen die gleichen Schlüsse gezogen werden konnten wie aus der Untersuchung im polarisierten Licht: Regellose Anordnung der Apatit-Kristalle bei den Wildtieren, orientierte Kristalle bei den Haustieren. Dies, so lautete die Hypothese von Isabella Drew, sei demnach ein eindeutiges Indiz für die Herkunft tierischer Knochen.