Chiles Parteienlandschaft ist in Bewegung geraten. Nach einer Spaltung der größten Oppositionspartei und einem Zwist in der aus sechs Parteien bestehenden Regierungskoalition zeichnet sich eine neue Polarisierung ab, der die Mitte zum Opfer fällt – wobei die Mitte freilich, mit Bonner Maßstäben gemessen, links der SPD zu suchen ist.

Begonnen hatte das Karussell Mitte Juli dieses Jahres mit einer Nachwahl in Valparaiso. Gegen den Kandidaten der regierenden Volksfront gewann der gemeinsame Kandidat der konservativen Nationalpartei, der Radikaldemokratischen Partei und der Christlichen Demokraten des ehemaligen Präsidenten Fred. Wahlbündnis und -erfolg erregten Aufsehen; denn bisher hatten sich die Christlichen Demokraten auf die Seite von Präsident Allende geschlagen, der ihren Stimmen seine Wahl verdankte.

Prompt verließen sieben Abgeordnete und 40 Funktionäre, darunter fast die ganze Jugendorganisation, die Christlich-Demokratische Partei, weil diese mit Valparaiso „ihrer christlichen Linkspolitik nicht treu geblieben“ sei.

Die versteckte Freude im Regierungslager dauerte bis zum Freitag vergangener Woche, als drei Minister der Radikalen Partei und Landwirtschaftsminister Choncol (Bewegung Vereinigte Volksaktion – MAPU) ihren Rücktritt erklärten. Zugleich verließen fünf Senatoren und sechs Abgeordnete der Radikalen ihre Partei, die als einziges nichtmarxistisches Mitglied der Volksfront eine sozialistische, aber nach ihrem Selbstverständnis dabei doch bürgerliche Linie verfolgt. Die Dissidenten werfen der Parteiführung vor, „zu marxistisch“ zu werden und wichtige Grundsätze zu verraten. Ihre politische Zukunft ist noch ungewiß; sie denken an eine neue Partei, die Sozialismus und Revolution auf legalem Wege verfolgen soll.

Für Allende bedeutungsvoller ist der Rücktritt von Minister Choncol, dem geistigen Vater der Agrarreform, die neben dem Verstaatlichungsprogramm innenpolitisches Thema Nr. 1 bildet. Mit Choncol schieden zwei Senatoren und ein Abgeordneter aus der MAPU aus, die selbst erst 1969 aus einer Abspaltung der Christlichen Demokraten entstand.

Die vier MAPU-Abtrünnigen. und die sieben protestierenden Christlichen Demokraten erwägen die Bildung eines Movimiento de Izquierda Christiana (MIC). Es wäre mit elf Abgeordneten für Allende interessant und vielleicht sogar entscheidend.

Denn der Präsident mußte am vergangenen Wochenende mit den Führernseiner Koalitionsparteien in ein ernstes Konklave (Neue Zürcher Zeitung) gehen: Die Radikalen, durch die Verluste der letzten Wahlen und die neuerlichen Austritte verunsichert, dachten daran, die Koalition zu verlassen. Diese Pläne konnte Allende, wie schon im April, abwenden; die angesichts ihrer Interessendivergenzen erstaunliche Arbeitsfähigkeit der Koalition hat aber offenbar ein Ende gefunden.

Und Allende, durch Streiks, wirtschaftliche Schwierigkeiten, Auseinandersetzungen mit den enteigneten ausländischen Firmen und eine heftige Diskussion um eine Verfassungsänderung bereits unter Druck, sieht einer neuen Krise entgegen: Bei seiner eigenen Partei, den Sozialisten, sind Richtungskämpfe offen ausgebrochen.