Filmfestspiele vermieden die Fehler der Kunstideologen: Protektion politischer Haltungen

Von René Drommert

Während der Moskauer Internationalen Filmfestspiele, deren Hauptprogramm wieder im Kongreßpalast des Kremls abgewickelt wurde, war es Ehrensache, daß man auch über den „Film im Kampf für sozialen Fortschritt“ diskutierte. Auf einer dieser Diskussionen ohne Gegenspieler oder advocati diaboli machte A. S. Karaganow, Sekretär des Verbandes der Filmschaffenden der UdSSR, eine kritische, gar nicht zu bagatellisierende Bemerkung gegen den, Westen. Dort sei unter den Anhängern des Kinos die Vorstellung von der weltweiten Ohnmacht des Films verbreitet. In Wirklichkeit aber gebe es genügend Grund, froh zu sein. Die sowjetischen Filmer jedenfalls zögen Tatkraft aus der Begeisterung für die Ideale eines sozialistischen Humanismus.

Die Filmfestspiele, die siebenten, entsprachen dem. Sie bewegten sich auf dem Boden engagierter Kunst, Ähnlichkeiten mit L’art pour l’art waren, wenn überhaupt zu entdecken, rein zufällig, und Begriffe etwa wie kulinarisches Kino hatten keinen Platz. Teilnehmern aus über 70 Nationen wurden vor allem in den ersten Tagen Informationen über die Schicksale der Völker eingebleut, die Unter Imperialismus, Kolonialismus, Rassismus, Despotismus und anderen Ismen leiden. Es wurde in den Filmen ungeheuerlich gerungen, geschlagen, gepeitscht, gekämpft, galoppiert, gestochen, geschossen, gemartert, geblutet, gestöhnt, gebrandschatzt und krepiert.

Trotzdem: Filme, die politischen und sozialkritischen guten Willen zeigten, aber in der Formulierung nicht durchhielten, hatten keine große Chance. Am auffälligsten war das bei dem „Mädchen Njun“ der Demokratischen Republik Vietnam (nach einer Erzählung des südvietnamesischen Autors Nguen Schanga). Die blutjunge Njun vernichtet, so sehen wir, in den Straßen von Saigon einen feindlichen Panzer und kommt dabei selber um. Es läge nun nahe, dem Film, der ein Heldenlied (ein Heldinnenlied) sein wollte, aus Sympathie für das vietnamesische Volk einen respektablen Preis zuzusprechen. Die Jury, der der sowjetische Regisseur Grigorij Kosinzew präsidierte, hielt sich zurück: Sie verlieh lediglich ein Diplom für die weibliche Hauptrolle (Kim Sung), also einen Trostpreis. Der Film macht die Tragödie des vietnamesischen Volkes, obwohl dokumentarische Aufnahmen von Krieg und Partisanen integriert sind, keineswegs plausibel. Denn im Film hat Kunst gegenüber dem Dokumentarischen zuweilen Bürgschaftsfunktionen. Wo die Bürgschaft ausfällt, erschlafft das Dokument.

Japan war, nimmt man Gruppierungen nach Ländern vor, am besten vertreten, mit zwei Filmen von ungewöhnlicher sozialkritischer Schonungslosigkeit: mit Kaneto Sindos „Heute leben, morgen sterben“ und mit dem Film, den man deutsch etwa so nennen könnte: „Beim Rattern der Straßenbahnräder“. Dieser Film, der außer Konkurrenz lief, war nicht nur die stärkste Leistung des ganzen Festivals, wenigstens einige Szenen haben Aussicht, in die Filmgeschichte einzugehen. Akira Kurosawa, der früher einmal einen Film nach Gorkijs Nachtasyl gedreht hat, demonstriert hier soziales Elend unter anderem an zwei Figuren, einem Vater und seinem kleinen Sohn, die in der abmontierten und verrotteten Karosserie eines kleinen Autos hausen, hungern und als gequälte Kreaturen psychische Kompensationen erleben: Traumbilder von einem schöneren Leben.

Man erlebte, daß eine schöpferische Persönlichkeit wie Kurosawa vom Dokumentarischen krisenfest unabhängig ist: Von seinem inneren Engagement und seiner Einsicht her werden nicht der Realität entgegengesetzte, sondern gleichwertige, Realität erst konstituierende Kräfte in Bewegung gesetzt;