Giacinto Bosco, italienischer Postminister, drängt – in regelmäßigen Abständen – auf eine "schnelle Entscheidung". Doch die Kontrahenten bei der Einführung des Farbfernsehens können sich nicht einigen: Während Industrie und Technik das deutsche System Pal favorisieren, neigen römische Politiker mehr zum französischen Secam.

Nachdem ein Besuch römischer Regierungspolitiker in Paris immer noch nicht den gewünschten Erfolg zeigte, schickte Frankreich im Juli sein Paradepferd nach Rom: Secam-Erfinder Henry de France setzte sein ganzes Gewicht als Persönlichkeit und Wissenschaftler ein, um Roms schwankende Politiker vollends für sein System zu gewinnen. Der Industrie, die seit Jahren für die Einführung des Pal-Systems kämpft, darüber fast den Anschluß an die Entwicklung verpaßt hat und seit Monaten in einer schweren Krise steckt, versprach Henry de France "jungfräuliche Märkte".

"Die Deutschen", so erklärte Henry de France in einem Interview der römischen Wochenzeitung L’Espresso‚ "versichern, daß die Einführung des Pal-Systems für Italien unbegrenzte kommerzielle Expansionsmöglichkeiten auf den fetten Märkten Nordeuropas bedeute. Das wäre wahr, wenn diese Märkte nicht unmittelbar vor einer Sättigung auf dem Gebiet der Elektro-Haushaltsgeräte stünden." Der Franzose stellte den lateinischen Brüdern dagegen einen bisher unberührten Markt mit 300 Millionen Menschen in Aussicht.

Allerdings, so gab er zu, haben sich bisher nur der Libanon und Ägypten fest für Secam entschieden. Bei anderen Ländern wie Libyen und Tunesien hängt es eben weitgehend von der Entscheidung Italiens ab, ob sie sich Secam oder Pal zuwenden. Im übrigen, so meinte Henry de France, "scheint es uns im Rahmen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft von außergewöhnlichem Interesse zu sein, für eine französisch-italienische Verständigung als unerläßliches Gegengewicht gegen eine Hegemonie der deutschen Industrie zu arbeiten".

Dieses Argument könnte einigen italienischen Produzenten heute stärker einleuchten als vor zwei Jahren. Damals steckte die europäische Farbfernseh-Industrie noch in den Kinderschuhen. Die Löhne in Italien waren niedrig. Heute hat die deutsche Industrie beträchtliche technische Erfahrungen gesammelt, während Italiens Hersteller nicht nur mangels Auftragsmasse wenig technische Entwicklungsmöglichkeiten hatten, sondern auch nach heftigen Arbeitskämpfen die Löhne drastisch erhöhen mußten. Und selbst in der gegenwärtigen Absatzkrise für Schwarzweißgeräte wird die Industrie noch von Streiks und Disziplinlosigkeiten der Arbeiterschaft geschüttelt. Die Folge: Deutsche Hersteller produzieren zur Zeit billiger.

Die Gefahr, daß Italiens Hersteller zunächst nicht viel mehr als eine Zulieferrolle erhalten, besteht in der Tat. Dennoch setzt die italienische Branchenmehrheit auf Pal: Kann doch der Bedarf der nächsten Jahre von den bisher in Europa gebauten Kapazitäten bei weitem nicht gedeckt werden. Und Italiens Industrie hat auch bei anderen Gelegenheiten bewiesen, daß sie von sich aus. findig genug ist in der Erschließung neuer Märkte und der Weiterentwicklung von Produkten, wenn die Kapazitäten erst einmal stehen.

Im laufenden Jahr wird Italien höchstens 50 000 Farbfernsehgeräte herstellen, gegen 800 000 in der Bundesrepublik, 700 000 in England, 250 000 ausschließlich von Philips hergestellten Farbfernsehern in Holland und 250 000 Secam-Geräten in Frankreich. Philips hat derzeit nicht nur in Italien 40 Prozent Marktanteil, sondern kontrolliert auch in Frankreich 15 Prozent der Secam-Produktion. In der Bundesrepublik sind AEG-Telefunken und Grundig mit je 30 Prozent Marktführer, während Bosch auf 15 Prozent und Graetz auf 10 Prozent kommen dürften. Sowohl Telefunken wie Grundig haben in Italien bislang anderweitig genutzte Kapazitäten "Gewehr bei Fuß" für die Einführung des Farbfernsehens bereitstehen.