Bei den mittleren Chargen des Olympischen Organisationskomitees (OK) in der Münchener Saarstraße hielt man die Tatsache von „indirekten Kontakten“ zwischen OK-Präsident Willi Daume und der Sportführung in Peking offenbar für eine „Peking-Ente“. Als Willi Daume bei den Pan-Amerikanischen Spielen im kolumbianischen Cali war, zeigten sich überraschte OK-Mitarbeiter von dem angeblichen Pekinger Interresse am olympischen Geschehen „verwirrt“. Dabei trifft es zu, daß auf Pekinger Initiative „Transitkontakte“ zwischen München und Peking bestehen. Nach seinem Gespräch mit Vertretern der nordkoreanischen Kommission für Sport in Moskau war der Gedankensprung bis Peking nicht mehr weit. Willi Daume: „Ja, es bestehen auf Initiative von Peking indirekte Kontakte.“ Der clevere Olympiapräsident Willi Daume, dem weltweit anerkannte Spiele der XX. Olympiade 1972 in München und in Kiel zu einer noch nicht absehbaren olympischen Karriere verhelfen könnten, weiß, daß die Zukunft der olympischen Bewegung durch eine Rückkehr der Volksrepublik China sensationell bereichert würde. Olympia ist ganz eindeutig zu politisch geworden, als daß das IOC die Entwicklung im Reiche des „Vorsitzenden Mao“ unterschätzen könnte.

Ohne Utopie dürfte es nicht einmal überraschen, wenn sich – wie bereits angekündigt – neben einer Sportdelegation aus Pjöngjang auch Abgesandte des Allchinesischen Sportverbandes und des Staatlichen Sportkomitees der Volksrepublik Peking demnächst in das Gästebuch des Olympischen Organisationskomitees in München eintragen würden. Es liegt nahe, daß das Pekinger Olympia-Interesse über die Schweiz transferiert wird, wo sich nicht nur eine diplomatische Vertretung der Pekinger befindet, sondern auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) seinen Sitz hat. Die IOC-Devise gegenüber Peking formulierte in Moskau IOC-Präsident Avery Brundage mit den Worten: „Die Tür der Olympischen Gemeinschaft steht für die Volksrepublik China offen“. Für IOC-Präsident Avery Brundage, dessen letztes Amtsjahr an der IOC-Spitze nun endgültig scheint, wäre es eine Krönung seines „olympischen Pontifikats“, wenn die Volksrepublik China in der olympischen Bewegung wieder präsent wäre –, mehr als 750 Millionen Chinesen mit einer großen sporthistorischen Tradition sind schließlich keine Kleinigkeit. Seit 1959 das IOC, gemäß seinen Regeln, keine Staaten, sondern NOKs in bestimmten Regionen anzuerkennen, dem NOK von Nationalchina die olympische Legitimation zollte, legte Peking einen Bann über das IOC. Die These von der „imperialistischen Clique“ hinderte die Volksrepublik China fortan daran, dem IOC seine Reverenz zu erweisen. Versuche, im asiatischen Raum ein „Gegen-IOC“ zu konstituieren, scheiterten. Mit der Anerkennung des NOK von Nationalchina räumte das Mitglied aus Peking im IOC seinen Stuhl – es verstarb inzwischen.

In Peking scheint man nun begriffen zu haben, daß Abstinenz kein Fortschritt ist. Im Gegenteil, die Entwicklung im internationalen Sport rollte an Peking vorbei. Hinzu kam im vergangenen Jahr bei der Session des IOC in Amsterdam ein schwerer sportpolitischer Schlag für die Sportführer hinter dem Bambusvorhang: Das IOC berief den Nationalchinesen Henry Hsy in seinen Kreis. Was aber hindert die Volksrepublik China noch daran, ihre Offerte für die Olympischen Spiele 1972 und die damit verbundene Rückkehr in die olympische Gemeinschaft und die Internationalen Föderationen – mit Ausnahme des Tischtennisverbandes – zu präsentieren. Ein falscher Stolz, politisches Taktieren? Was auch immer, in erster Linie scheint sich Peking darüber klar zu sein, daß die langjährige Isolierung vom internationalen Sportgeschehen nicht in wenigen Monaten aufzuholen ist. Gerade die Sportart, in der die Volksrepublik China große Chancen hätte, Tischtennis, ist nicht olympisch. Der Hochspringer Ni Chi-chin freilich würde mit seinen 2,29 Meter zu Medaillenanwärtern gehören. Auch in den Ballspielen dürfte Peking gute Aussichten haben, olympisch erfolgreich zu sein. Doch das Prestigerisiko scheint gegenwärtig der Sportführung zu groß zu sein.

In einer politisch nicht einfachen Lage befindet sich Moskau durch den von dem chinesischen Ministerpräsidenten Tschou En-lai selbst wieder angekurbelten internationalen Sportverkehr. Moskau unterstützte aus „ideologischer Verbundenheit“ weitgehendst die sportpolitischen Ziele Pekings. Seit Peking ein deutliches „Zeichen“ mit der Einladung an das US-Tischtennisteam im April dieses Jahres setzte, besuchten erneut amerikanische Tischtennissportler sowie Tischtennis-Delegationen aus Australien, Kanada, Kolumbien, England und Nigeria die Volksrepublik China. Mit England, Schweden der Schweiz und Frankreich unterhalten unmittelbare Nachbarn der Bundesrepublik diplomatische Beziehungen zu Peking.

Selbst bei den Besuchen aus den ideologisch nicht „gerade passenden“ Ländern wie England, Kanada und Australien, das sogar Truppen in Vietnam unterhält, gab es in der „Peking-Rundschau“ nicht nur die Worte des „Vorsitzenden Mao“, sondern auch überaus freundliche Töne. Es dürfte Beobachter der fernöstlichen Sportentwicklung nicht einmal überraschen, wenn vor der afro-asiatischen Tischtennismeisterschaft – im Herbst dieses Jahres in Peking – auch europäische Länder den Sport als Beitrag zur Verbesserung ihrer Beziehungen zur Volksrepublik China verwenden. Zwar hat die weitere Normalisierung der Sportbeziehungen der Bundesrepublik zu den osteuropäischen Staaten Vorrang, doch was die weitere Entwicklung via Peking angeht – wie sagte bereits der Vorsitzende Mao Tse-tung am 24. April 1945: „Man muß die Stube ständig auskehren, sonst wird sich Staub ablagern; man muß das Gesicht regelmäßig waschen, sonst wird das Gesicht schmutzig, fließendes Wasser fault nicht...“

Ernst Dieter Schmickler