Von Rolf Zundel

Bonn, im August

Der ranghöchste Beamte des Auswärtigen Amtes, Staatssekretär Paul Frank, brach mit den geheiligten Traditionen deutscher Diplomatie. Nach einer Serie von Veröffentlichungen geheimer Papiere seines Amtes, bisher meist verniedlichend "Indiskretionen" genannt, wandte er sich an die Öffentlichkeit. Er verniedlichte nichts, sondern setzte sich in einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit den Motiven jener auseinander, die den Geheimnisverrat als Waffe im politischen Kampf benutzen und äußerte Sorge über den "Zustand unseres auswärtigen Dienstes".

Diese Flucht in die Öffentlichkeit ist ebenso ungewöhnlich, wie es die Ereignisse sind, die Frank zu seinem Schritt getrieben haben. Mit welchen Beamten man auch immer spricht, es findet sich keiner im Auswärtigen Amt, der bereit wäre, ein entschuldigendes Wort für die "Gesinnungstäter" einzulegen. Eine "bodenlose Schweinerei" wird dieser Geheimnisverrat genannt; und dieser Ausdruck wird von Symphatisanten der Koalitionsparteien wie von Anhängern der Opposition im Auswärtigen Amt benutzt.

Freilich ist dort auch der Artikel Franks nicht auf ungeteilte Zustimmung gestoßen – weder bei den Befürwortern noch bei den Gegnern der gegenwärtigen Bundesregierung. Es scheint, daß die Kritik bei der älteren Diplomatengeneration ausgeprägter ist. Manche fragen: Hätte sich Frank nicht in jedem Fall vor die Beamten stellen müssen? In der jüngeren Generation wird, so scheint es, die Notwendigkeit einer öffentlichen Stellungnahme des Staatssekretärs nicht bestritten, die Form dagegen ziehen manche in Zweifel. Trotz der einschränkenden Formulierung Franks, die überwältigende Mehrheit der Beamten und Angestellten sei über jeden Zweifel an ihrer Loyalität gegenüber der Regierung erhaben, befürchten sie, daß sich in der Öffentlichkeit der Eindruck festsetzen könnte, die Funktionsfähigkeit des ganzen Amtes sei gefährdet.

Kein Zweifel, bei Frank muß sich der Zorn lang angestaut haben. Und lang ist wahrlich auch die Liste der geheimen oder vertraulichen Papiere, die den Weg in die Öffentlichkeit gefunden haben. Sie beginnt im November 1969, als die neue Regierung kaum im Amt war, mit der Veröffentlichung eines Runderlasses, in dem die Sprachregelung zum außenpolitischen Teil der Regierungserklärung, vor allem zur Hallstein-Doktrin, enthalten war. Der Erlaß war den Botschaftern zur persönlichen Unterrichtung zugesandt worden. Dies war freilich nur der Auftakt. Danach wurden veröffentlicht: Das Bahr-Papier, der Text des Moskauer Vertrages, der Text des Warschauer Vertrages, das EWG-Nahost-Papier, die Berliner Positionspapiere der beiden Seiten und schließlich Botschafter-Telegramme aus Washington.

Selbst unter dem Eindruck dieser Veröffentlichungen ging Frank noch davon aus, bis zum Beweis des Gegenteils sei nicht das Auswärtige Amt Quelle dieser Informationen. Tatsächlich war mit diesen Papieren nicht nur das Amt befaßt, auch andere Behörden hatten Zugang. Dies aber traf für die jüngste "Indiskretion", veröffentlicht im CDU-nahen politischen Informationsdienst "Klartext", nicht mehr zu. In diesem Dienst, der sich offenbar darauf spezialisiert hat, die Arbeit des Außenministeriums durch Enthüllungen mehr oder weniger vertraulicher Interna ins "rechte" Licht zu rücken, wurde von einer Weisung Franks an den Leiter der politischen Abteilung berichtet, eine neue Nomenklatur für die Verhandlungen zwischen Bonn und Ostberlin zu suchen. Es wäre ein Wunder, wenn die Lektüre von "Klartext" Frank nicht die Zornesröte ins Gesicht getrieben hätte. Wenn schon Bruchstücke solcher Weisungen veröffentlicht werden, also Hausinterna, die nur wenigen Leuten bekannt sein können – wie soll eine Behörde dann noch arbeiten? Frank schlug Alarm. Diesmal konnte die Quelle der Information nur im Amt selber liegen.