Ein Beispiel aus Schweden – Seelisch kranke Kinder werden durch Musik geheilt

Von Horst Unger

Eine kleine Autostunde südlich von Stockholm zeigt ein Wegweiser nach Solbergahemmet – einem Heim für seelisch kranke Kinder. Ich hatte eine moderne Anstalt mit vergitterten Fenstern und unübersteigbaren Mauern erwartet. Zu meiner Verwunderung finde ich, rechter Hand von Europastraße drei, ein anheimelndes schwedisches Dorfidyll: Gärten, bunte Beete, Holperwege zwischen blühenden Büschen, rote Holzhäuser, von Nadelwald beschirmt – und nirgendwo einen Zaun.

Auf einer Wiese tummeln sich Kinder, und auf den ersten Blick merkt man nichts Sonderbares an ihrem Spiel. Erst, wenn man in ihre starren, verbissenen Gesichter schaut, begreift man, warum sie hier sind.

Da ist ein kleiner, siebenjähriger Junge, der immer wieder Selbstmordversuche unternimmt. Er ist davon überzeugt, daß wir – die Erwachsenen – ihn betrügen und ständig hinters Licht führen. Die Wirklichkeit, die wir ihm bieten, treibt ihn in grenzenlose Verzweiflung. Sachlich und methodisch bereitet er seine Selbstmordversuche vor. Der Tod erscheint ihm als der einzige Ausweg aus dem Lügennetz, in das wir ihn eingesponnen haben. Vor ein paar Tagen erst hat man ihn im letzten Augenblick davor bewahrt, sich vor einen Lastzug zu werfen.

Und dort haben wir den kleinen Ole. Er glaubt, er sei dazu verdammt, einsam zu bleiben. An diesem sonnigen Tag spielt er – abseits der anderen – glücklich mit seinem eigenen Schatten. Der bleibt ihm treu, auch wenn alle anderen ihn im Stich lassen. Aber sobald sich die Sonne hinter einer Wolke versteckt, muß man Ole bei der Hand nehmen. Seine panische Angst vor der Einsamkeit macht ihn unberechenbar.

Ein spindeldürres Mädchen sieht uns aus großen, traurigen Augen an. Seit es weiß, daß es anderswo Kinder gibt, die Hunger leiden, weigert es sich beharrlich zu essen. In seiner übersteigerten Moralangst glaubt es, daß alles Elend auf der Welt sein Fehler sei.