Von Hayo Matthiesen

Hier spricht Literaturgeschichte: Zwei Altmeister experimenteller Dichtung rezitieren eigne Texte. Otto Nebel, fast achtzigjährig und wohnhaft in Bern, der eine; Raoul Hausmann, 1886 in Wien geboren und in diesem Jahr im französischen Limoges verstorben, der andere. Beide sind Vertreter einer seit einem halben Jahrhundert avantgardistischen Dichtung: der Laut-Poesie oder Lettristik.

Die Edition S PRESS in Hattingen-Buchholz bietet jetzt Tonbänder von Nebel und Hausmann an, und das ist durchaus eine kleine literarhistorische Sensation. Denn einmal sind die hier festgehaltenen Stücke von Otto Nebel („Zuginsfeld“ und „Unifeig“) gedruckt gar nicht mehr zugänglich, und Hausmann-Texte sind ohnehin nur zum Teil schriftlich fixierbar. Vor allem aber sind hier zwei Mitschöpfer und Hauptvertreter der Lettristik original zu hören.

Laut-Poesie ist eine Erfindung der Dadaisten, jener Randvoll Dichter, Maler und Bildhauer, die während und nach dem Ersten Weltkrieg ihr Leiden an der Zeit in einen Affront gegen Kultur, Technik und Politik ummünzten. Vor allem revoltierten sie gegen die Kunst, indem sie ihr Jux und Banalität, Unsinn und Spielerei entgegensetzten.

Im Oktober 1918 ließ Raoul Hausmann von einem Berliner Setzer Plakatschrifttypen willkürlich anordnen und drucken – es entstand das erste Plakatgedicht. Buchstaben sind bis heute ein wesentliches Material der Lettristen. Sie werden zusammengereiht zu Folgen, die keine Wörter sind und keinen Sinn ergeben. Hinzu kamen Töne und Geräusche, Klänge, Worte und Sätze. Hausmann schrieb phonetische Gedichte wie „fmsbw“, Nebel reihte solche Begriffe: Stinkkaverne – Stunckaserne – Kasematte – Kantschukeller.

Wie sollten solche Klangformen richtig gesprochen werden? Das war für Freunde der Lautgedichte bislang eine durchaus offene Frage. Jetzt demonstrieren Nebel und Hausmann es selber. Sie lesen verhalten, als tasteten sie sich vor, prüfen Worte und Silben, legen lange Pausen ein oder bevorzugen eine stark rhythmische, manchmal fast singende Sprechweise. Es klingt wie eine Mischung aus muselmanischer Gebetslitanei und guttural gehackten Lauten eines afrikanischen Medizinmannes.

Lautdichtung ist freilich nicht nur historisch, sie spielt auch in der gegenwärtigen Lyrik, so bei Helmut Heissenbüttel, eine Rolle. Da lag nichts näher, als den dokumentarischen Aufnahmen mit Nebel und Hausmann solche zeitgenössischer Autoren folgen zu lassen. Und das hat die Edition S PRESS denn auch mit einem weiteren Tonband getan: „Helmut Heissenbüttel spricht Helmut Heissenbüttel. Texte A/B.“ Das Band bietet einen Querschnitt aller Methoden, mit denen Heissenbüttel experimentiert. Auch dies für Liebhaber der Lettristik eine erfreuliche Neuerscheinung, da sie von gelegentlich ausgestrahlten Rezitationen unabhängig macht und dokumentiert, wie der Autor selber seine Poeme spricht.

Heissenbüttel zu hören, ist freilich kein ganz billiges Vergnügen; das Band kostet immerhin 45 Mark. Wer an experimenteller Lautdichtung interessiert ist, kann sich durch die Luchterhand-Schallplatte „Phonetische Poesie“, herausgegeben von dem Lettristen Franz Mon, preiswerter und zugleich umfassender unterrichten. Die Platte kostet nur 20 Mark und bietet einen internationalen Überblick. Phonetische Poesie gibt es nämlich in England ebenso wie in Italien, Holland oder Österreich. Was alle vereint, formulierte der russische Protagonist Welemir Chlebnikow bereits 1913: „Wir haben aufgehört, auf Wortbau und Aussprache der Worte nach grammatischen Regeln zu schauen ... Vokale verstehen wir als Zeit und Raum, Konsonanten als Farbe, Klang, Duft.“