Jeden Morgen dringen merkwürdige weibliche Schreie durch das Fenster ins Hotelzimmer: seltsam gedämpft, klingen sie nicht so, als würde jemand ermordet, aber auch nicht so, als wollten sie eines Tages auf eine der Festspielbühnen Salzburgs: Im nahegelegenen Mozarteum wird eine weibliche Gurgel mit viel Geduld geläufig gemacht.

Die glücklichen Endprodukte eines solchen Verfahrens sind in der Stadt allenthalben zu-sehen. Sie schmücken die Schaufenster von Banken, sie kuscheln sich in die Auslagen, von Modegeschäften, sie werben für Handel und Industrie im schönen Salzburger Land, rühmen die Sicherheit einer österreichischen Luftfahrtlinie: wer die Materialisierung von geistigen Produkten beobachten will, der kommt hier auch auf seine Kosten.

Am Anfang stand die Partitur. Und jetzt flattern ihre Noten als Banknoten durch die ganze Stadt. Im „Wozzeck“ kann man Büchners bittere Erkenntnis hören, daß der Mensch nur dazu geschaffen sei, daß er den Schneider und alle anderen Berufe ins Brot setze. Das ist wahr und heißt auf Salzburg variiert: wie das Volkswagenwerk Wolfsburg und Umgebung und Deutschland zu ernähren in der Lage ist, so kann (das) Mozart(werk) Salzburg und Umgebung und Österreich ganz schön miternähren. Ob man an das Café Bazar denkt, wo man durch die Hitze unter schattigen Kastanien auf den weißroten Flaggenschmuck der Brücken blickt, ob man an die Getreidegasse denkt, die mit ihrem Namen insofern etwas zu tun hat, als sie den unendlichen Mahlstrom der Touristen zwischen Gaststätten, Geschäften und Mozarts Geburtshaus schrotet, oder ob man an das Festival selbst denkt, wo eine feine Welt Anteil daran nimmt, daß Diener aufmucken (Figaro und der Unbestechliche), daß arme Leute aus Verzweiflung morden (Wozzeck) und daß irdischer Reichtum und Weltzugewandtheit von Übel sind (Rappresentazione und Jedermann). Den Krebsen im „Goldenen Hirschen“ retten solche zur Kargheit ermunternden Appelle anschließend keineswegs das Leben; wenn Marie im „Wozzeck“ glücklich über zwei billige Scherben in ihrem Ohr ist, dann dringt ihr Glück in ungezählte mit Brillanten und Perlen pendelnde Gehörgänge; und ob es den Chauffeuren, die nachher zur Abholung herankarren, zugute kommt, wenn ihre Herrschaft gerade Figaros oder Theodors Mühen mit deren Herrschaften aufgenommen hat, ist mir nicht bekannt.

Nirgends woanders klopfen sich die Festspielidee und ihr Publikum so auf die Finger wie hier in Salzburg, wo Mozarts Aufbegehren und die Wiederbelebung eines Barock, der von Welt schaudernd nichts wissen will, weil er die Seele in den Himmel retten möchte, und das Publikum auf das schönste miteinander kontrastieren. Da ist es schon gut, daß es die Musik gibt.

Die „Krise“, von der auch in Salzburg die Rede ist, setzt sich aus mehreren Stimmen zusammen. Da ist eine momentane. Konzeptkrankheit, die viele Vorstellungen nicht ausverkauft sein läßt: eine halbe Million Schilling weniger Einnahmen als im vorigen Jahr erbrachte der erste Teil der Festspiele; im Volksmund heißt der „Unbestechliche“ deshalb schon der „Unverkäufliche“.

Zum zweiten merkt man sanfte Wellen der allgemeinen Theaterunmutswoge auch hier. Aber wer Ideen einer allgemeinen Theaterdemokratisierung an das Festival herantragen wollte, würde der nicht ähnlich handeln wie einer, der fordert, man sollte aus Luxushotels Garküchen für jedermann und Jugendherbergen machen? Denn von welcher Perspektive man Salzburg auch angeht, ob von dem Starkult der Musikmarktspitzen oder von den Edelbesuchern her – wahr ist, daß dies eine Angelegenheit eines Festival-Tourismus ist, der Bilanz machen muß, für die, die reingehen, für die, die das Publikum versorgen mit Speis und Trank und „Küß die Hand!“ und Luxus und auch für die, die da als Fußwanderer, Kamera über die Schulter, Frau und Tochter an der Hand, Karajan nur sehen, wenn er in versunkener Pose von einer Schallplattenfirma als Photo in ungezählte Schaufenster gestellt worden ist.

Schuhs Straßentheater