Eine Analyse des Ellwein-Planes

Von Heinz Kluss

Was wollen. Thomas Ellwein und seine „Kommission zur Neuordnung der Ausbildung in der Bundeswehr“? Wollen sie eine getarnte Abrüstung einleiten oder militärische Entwicklungshilfe für unser zurückgebliebenes Bildungswesen leisten? Betreiben sie gar Mißbrauch mit der soldatischen Erziehung und benutzen sie als Hebel für gesellschaftspolitische Ziele? Schwingt das geistige Pendel, das sich in der Bundeswehr knapp rechts der Mitte verklemmt, nun doch, erneut angestoßen, weiter nach links?

Beunruhigt stellte man sich innerhalb und außerhalb der Stabsquartiere diese Fragen, als das Rahmenkonzept zur Neuordnung der militärischen Ausbildung Ende letzten Jahres vom Verteidigungsminister zur Diskussion gestellt wurde. Daß die Auseinandersetzung öffentlich stattfindet, liegt ganz im Sinne des Bürgers. Er bezahlt die Zeche auf mehrfache Weise: mit vergeudeten Steuergeldern, würde der Soldat sein Gerät und sein Handwerk nicht beherrschen; mit außenpolitischer Schwäche und mangelnder Sicherheit, fehlte der Armee Schlagkraft und Kampfmoral; mit innenpolitischen Krisen, verfolgten Militär und Gesellschaft konträre Bildungsziele. Wir alle, ob Zivilist oder Soldat, sind nicht nur Kostenträger und, geht es schief, Leidtragende; wir sind auch Nutznießer von Streitkräften, denen es gelingt, den äußeren Frieden zu sichern, ohne den inneren Frieden zu stören.

Bundesverteidigungsminister Schmidt hat, indem er alle Betroffenen und Interessierten zur Kritik aufforderte, ein Modell der Mitsprache praktiziert, das Nachahmung verdient. Mehr als 150 zum Teil ausführliche Stellungnahmen sind eingegangen, davon etwa 30 von zivilen Partnern. Die 24köpfige Bildungskommission, der Soldaten vom Oberfeldwebel bis zum General und Vertreter der Wirtschaft, der Gewerkschaften, der Wissenschaft und der Verwaltung angehören, modifizierte wichtige Details. Zu einer grundlegenden Änderung des Konzepts konnte sie sich freilich nicht entschließen. Zu Recht! Das jetzt vorliegende Gutachten ist ein großer Wurf. Es enthält ein umfassendes Reformprogramm, das – bricht man einige Verzierungen und Überspitzungen ab – geeignet ist, erstens die Schlagkraft der Bundeswehr zu erhöhen, zweitens die begonnene Integration von Armee und Gesellschaft voranzutreiben, drittens aber auch dem einzelnen vielfältige Bildungsmöglichkeiten und maximale berufliche Chancen zu bieten.

Viele Schwächen des ersten Entwurfs sind jetzt beseitigt. Mißverständnisse werden aufgeklärt, Kritik wird beschwichtigt und der Zusammenhang zur künftigen Personalstruktur hergestellt. Das Gesamtpanorama ist erkennbar. Weder fehlt der ausdrückliche Bezug auf den Verteidigungsauftrag der Bundeswehr, dem die Ausbildung primär zu dienen hat, noch der Hinweis auf die bisherigen Bemühungen zur Modernisierung der Ausbildung. Es ist der Verteidigungsminister selbst, der im Vorwort zum Gutachten den Soldaten anerkennend auf die Schulter klopft. Damit werden einige psychologische Ungeschicklichkeiten der ersten Stunde behoben. Professor Ellweiri, selbst wohl ein wenig sensibel, hatte offenbar zu Anfang auf die Empfindlichkeit der Militärs keinerlei Rücksicht genommen. Dabei ging es nur vordergründig um das Prädikat „Scharnhorst der Bundeswehr“. Zugleich lief ein anschauliches Rührstück vom Elend engagierter Reformer über die Bühne, die offensichtlich eine Vorliebe dafür haben, das Publikum mit gewaltigen Zukunftsentwürfen zu erschrecken, anstatt es zunächst auf die Höhe der eigenen Erkenntnis heraufzuholen.