Mexico City, im August

Mexico City hat für Besucher nichts von der Anziehungskraft früherer Jahre verloren. Im Gegenteil: Die Erinnerung an die heitergelöste Atmosphäre bei den Olympischen Spielen (die man sich für München so wünscht) und an die hektisch-turbulenten Tage der Fußballweltmeisterschaft lassen diese Stadt eher noch liebenswerter erscheinen. Heute fragt sich der Fremde: Was ist geblieben vom Millionentreffen der Sportler, Funktionäre, Zuschauer und Touristen? Auf den ersten Blick nur noch verwaschene, einst mit billiger Farbe an den Häuserwänden aufgetragene Olympiaringe und sich langsam von den Windschutzscheiben der Autos lösende Abziehbilder mit der Aufschrift "Mexiko 70". Das Leben in der Sieben- oder Acht-Millionen-Stadt (wer weiß schon genau, wie viele Menschen hier leben) pulsiert wie eh und je; die Zeitungen berichten über die Fußballmeisterschaft des Landes, kritisieren die schlechten Vorstellungen der Nachwuchsmatadore bei den Stierkämpfen der Vorsaison, erwähnen aber mit keinem Wort mehr die vergangenen Festtage des Sports.

Dabei gibt es unter der Rubrik "Nachträge" durchaus Nennenswertes zu schildern: Zum Beispiel wartet der Architekt jener Sporthalle mit dem weithin sich spiegelnden Kupferdach noch immer auf seine eineinhalb Millionen Pesos Baukosten, auch die an der Fußballweltmeisterschaft beteiligten mexikanischen Spieler haben noch keinen Peso vom Verband oder ihren Vereinen erhalten. Die vielgerühmten und als architektonische Meisterwerke gefeierten Olympiabauten prägen nicht – wie erhofft wurde – das Bild der Stadt oder gelten gar als Wahrzeichen. Noch immer rangieren die Pyramiden, das anthropologische Museum und die Universität in der Gunst der Touristen ganz oben.

Allerdings präsentieren sich die Sportstätten nicht als öde Zementovale, sie sind vielmehr mit Leben erfüllt. Dafür sorgt schon die Regierung, in deren Besitz sich sämtliche Anlagen befinden. Das zur Universität gehörende Olympiastadion wird ständig für studentische Wettkämpfe benutzt, und im olympischen Dorf, wo 1968 6500 Sportler aus aller Welt über unbequeme und zu enge Quartiere stöhnten, sind in den noch immer numerierten Blocks freundliche Apartments entstanden, die als Eigentumswohnungen erworben oder auch gemietet werden können. Von den insgesamt 901 Wohnungen waren Anfang August noch drei zu kaufen und ein halbes Dutzend zu mieten. Die Miete beträgt pro Monat umgerechnet 600 Mark, die Eigentumswohnung kostet etwa 90 000 Mark (Anzahlung 5000, den Rest in 15 Jahren zu unterschiedlichen Raten).

Es ist klar, daß diese getto-ähnliche Wohnform in abgeschiedener Lage mit gepflegten Grünanlagen und einem großen Supermarkt (an der Stelle des ehemaligen Sportler-Restaurants) nur für die gehobene Mittelschicht in Frage kommt. W® vor drei Jahren die Jugend der Welt für ein paar Wochen zu Hause war, erinnert nur noch der Posten am Eingang an das strenge Zeremoniell olympischer Tage. Der Fremde kann das Gelände wie damals nur mit einem Ausweis passieren – und sei es die Kreditkarte seiner Bank. Hauptsache, das Dokument macht einen amtlichen Eindruck. Die Spiele haben zwar Mexiko verändert, nicht aber die Mexikaner.

Rolf Kunkel