Nürnberg

Was die Schönheit sei, das wisse er nicht, hatte Albrecht Dürer der Nachwelt hinterlassen. Die Nürnberger Albrecht-Dürer-Gesellschaft scheint es im Jahr des 500. Geburtstages ihres Namenspatrons ganz genau zu wissen: Sie schloß den 43jährigen Nürnberger Maler und Grafiker Toni Burghart aus der von ihr und der Stadt Nürnberg für den 12. September im Germanischen Nationalmuseum geplanten Ausstellung „Mit Dürer unterwegs“ aus, weil er den Bedingungen eines von Roland Graf von Faber-Castell, dem 1. Vorsitzenden der Albrecht-Dürer-Gesellschaft, finanzierten Reisestipendiums nicht entsprochen habe. Die zensorische Aktion des ältesten Kunstvereins Deutschlands (gegründet 1792) wirbelte Muff von 179 Jahren in einer spektakulären Staubwolke hoch, hinter der eine permanente Krise der Renommier-Gesellschaft sichtbar wurde; der Verein, dem zu seiner Blütezeit im 19. Jahrhundert Goethe, der Zar von Rußland, die Könige von Preußen, Württemberg, Sachsen und den Niederlanden als Mitglieder angehörten, geriet ins Kreuzfeuer öffentlicher Kritik. Zum Nürnberger Dürer-Jubeljahr entschloß sich der Bleistift-Magnat Roland Graf von Faber-Castell zu einer „mäzenatischen Tat“: Er steckte sieben von ihm ausgewählten Künstlern je 7000 Mark zu, damit sie auf Dürers Spuren reisen und des Meisters Landschaften aus ihrer Sicht gestalten könnten. Die beiden Nürnberger Toni Burghart und Michael Mathias Prechtl sowie Peter Ackermann, Manfred Bluth, Siegberth Jatzko, Carl Heinz Kliemann und Anton Lehmden sollten dabei alle Arten der Zeichnung, der Aquarell- und Deckfarbenmalerei und der Druckgrafik anwenden, sich jedoch der Ölmalerei sowie aller Formate über einen Meter und Höhe oder Breite enthalten. Neben der Ausstellung ihrer Arbeiten wurde die Aufnahme in einen Katalog des Münchner Bruckmann-Verlages in Aussicht gestellt.

Einer der sieben nun ging; auf Dürers Spuren verloren. „Die Vertreter der Albrecht-Dürer-Gesellschaft und der Stadt Nürnberg“, ließ Schriftführerin Elisabeth Rücker Burghart wissen, „kamen als Veranstalter dieser Ausstellung zur einhelligen Auffassung, daß die Arbeiten, die Sie eingereicht haben, nicht in die Konzeption der Ausstellung passen. Ihre Interpretation der Ausschreibung steht im Gegensatz zu der aller anderen Künstler und zu unserer Auffassung über den Sinn des Anliegens von Graf Roland von Faber-Castell.“

Ein Ablehnungsgrund für die Ausstellungs-Veranstalter war Burghans Maltechnik. Fünf von neun eingereichten Arbeiten waren mit Acryl-, Plaka- und Temperafarben auf Leinwand gemalt. Freilich wiesen die Zensoren auch vier Arbeiten zurück, bei denen Burghart Filzschreiber, Wasser- und Deckfarben benutzt und somit den Bedingungen entsprochen hatte. Weiterer Ablehnungsgrund: Burghart sei nicht gereist. Burghart war am Rhein sowie – in 15 Kilometer Entfernung von Nürnberg – in Heroldsberg und Kalckreuth, Orten, an denen Dürer-Landschaften entstanden sind. Freilich mochte Burghart seine Reiseimpressionen nicht für die Ausstellung verwerten: „Diese Orte schienen mir nicht repräsentativ für das Thema ‚Dürer heute‘. Als repräsentativ empfand ich schließlich nur noch den Ort, an dem Dürer die meiste Zeit verbracht hat: Nürnberg. Mit der Landschaft, in der man lebt, verbindet man doch ganz andere Erfahrungen als die paar Aha-Erlebnisse, die man auf Reisen in die Niederlande oder nach Venedig hat.“

Obwohl jeder der Vorstandsmitglieder der Albrecht-Dürer-Gesellschaft Burghans frühere Arbeiten gut kennen sollte – die Gesellschaft stellte Burghart bei ihrer Ausstellung „Ars phantastica“ vor Jahren aus –, scheint eine grundsätzliche Aversion gegen eine satirisch-kritische Auffassung von „Landschaft“ der Hauptgrund für die Ablehnung gewesen zu sein. Burghart erlaubte sich, in dem Blatt „Erinnerung an den 2. Januar 1945“ Nürnbergs Stadttürme als Bomben auf die City fallen zu lassen: „Für mich gehört als heute lebender Maler zu einer Ausstellung alles das, was im Bewußtsein der Bewohner dieser Landschaft vorhanden ist. In meiner Erinnerung ist das Zerschlagen Nürnbergs am 2. Januar 1945. Ohne Zweifel ist auch das eine Dürer-Landschaft: eine apokalyptische.“

Burghart erlaubte sich, eine Zitrone mit Davidstern in den Himmel über Nürnbergs Türmen zu plazieren – ironische Anspielung auf die im Dürerjahr offiziell proklamierte Vergangenheits-Verdrängung unter dem Titel „Nürnberg sauer“: „Es stand ja nicht in der Ausschreibung, daß man Dürers Landschaften nicht interpretieren darf. Dürer hat in seiner Zeichnung von Klausen in Südtirol auch nicht darauf verzichtet, das „große Glück‘ in den Himmel zu setzen. Also hat Dürer schön damals nicht der hehren Konzeption der Albrecht-Dürer-Gesellschaft von Albrecht-Dürer-Landschaften entsprochen.“

Aber neben dem Landschafts-Bild der Albrecht-Dürer-Gesellschaft verblüfften noch andere Merkwürdigkeiten in dieser Affäre. So zum Beispiel, daß Michael Mathias Prechtl, konkurrierender Mit-Stipendiat, stellvertretender Vorsitzender der Albrecht Dürer-Gesellschaft ist. Trotz dieser Doppelfunktion ließ es sich Prechtl nicht nehmen, seinem Kollegen „Themaverfehlung“ vorzuwerfen. Und Schriftführerin Elisabeth Rücker gab den interessanten Hinweis: „Ein Bleistiftfabrikant will eben keine Ölmalerei.“

Acht von zwölf Beiratsmitgliedern der Gesellschaft schrieben an den Vorsitzenden einen Brief und forderten Aufklärung. Roland Graf von Faber-Castell scheint mittlerweile kompromißbereit zu sein: „Publikum und Presse sollten entscheiden, ob das Urteil stimmt. Ich werde die Herren (des Vorstands) noch einmal zusammenrufen.“ Reiner Weiß