Es wird immer mehr Leute geben, die von sich sagen können: „Wir sind auf dem Mond gewesen!“ Aber solange man nicht komfortable Touristen-Raketen emporschießt, die im Weltraum die Rolle der Charterflugzeuge übernehmen, wird es immer etwas Außergewöhnliches sein, den Fuß auf den Mond gesetzt zu haben. Mit anderen Worten: Die einen, die wenigen Auserwählten, bleiben im Besitz eines Erlebnisses, das uns anderen, denen der Zutritt zum Mond untersagt ist, nicht verständlich ist.

Nicht verständlich? Hat uns die Fernsehkamera nicht an der Fahrt zum und auf dem Mond teilnehmen lassen? Haben wir nicht sogar in unserem Sessel vorm Fernsehapparat dasselbe Mondbild gehabt wie die beiden Astronauten in ihrem aufklappbaren Jeep? Haben wir nicht ebenso gut und in derselben Zeit wie die Mondreisenden gesehen, daß ein Hammer gleich so sanft wie eine Falkenfeder niederschwebte? Was wollen wir noch mehr? Wollen wir etwa vermessenen Geistes den Amerikanern gleichwerden und selber eine Fahne und ein Alto auf dem Mond haben?

Neil, wir haben allen Grund, dankbar und zufrieden zu sein. Wenn es denn wahr ist, daß die Amerikaner Menschen sind wie du und ich, so haben sie gezeigt, wozu wir fähig sind. Sie haben stellvertretend für uns alle die „Hab-Acht-Stellung“ vor der Flagge auf dem Mond eingenommen und schließlich sogar Briefmarken gestempelt, haben also das Heroische mit dem Idyllischen vereint. Und es ist nichts dagegen einzuwenden. Denn es war menschlich.

Und doch werden, wir noch gewahr werden, daß es zwei ganz verschiedene Sachen sind, einem Manne auf dem Mond zugesehen zu haben oder selber Mann vom Mond gewesen zu sein. Nehmen wir an: Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen. Wie reagieren wir, die Zuschauer? Wir reagieren nach Claudius. Das Herz geht uns auf. Friedvoll denken wir an den lieben Gott. Und an den kranken Nachbarn auch.

Anders der Astronaut. Sitzt er am Sommerabend mit seinen Lieben im Garten vorm Haus und seine Mondfahrt ist lang vorbei, und am Himmel prangen die goldnen Sternlein hell und klar, und aus den Wiesen steigen die weißen Nebel wunderbar, und des Astronauten Blick schweift zum Mond: „Da fällt mir ein“, sagt er, „wie ich auf dem Mond hinschmierte, damals, zu einer Zeit, da jedes unvorhergesehene Ereignis für gefährlich gehalten wurde, für lebensgefährlich, damals, als der Mond noch hauptsächlich aus Staub bestand und das Mondauto nicht viel mehr als zehn, fünfzehn Stundenkilometer lief.“

„Ja, damals“, sagt des Astronauten weißhaarige Gattin. „Du sahst so niedlich aus, als du dort spaziertest. Wie’n Bär auf einem Trampolin.“ –

Leise räumt die Enkelin das Geschirr ab, vom Enkel unterstützt. Rasch weg! Er kommt vom Hundertsten ins Tausendste, wenn Opa von seinem Mond erzählt. Er wird immer gleich so unverständlich, während Großmutter ihre sentimentalen Anwandlungen kriegt. Wie sie schon dasitzt, die sonst so heitere alte Dame! Guckt in den Mond und zerdrückt eine Träne. Nur fort, ehe es zu spät ist! Nur fort, ehe die alten Geschichten beginnen! Beeilen sie sich nicht, der Enkel und die Enkelin, so kann es ihnen wie beim letzten Vollmondabend passieren: Da mußten, sie Großmutter Gesellschaft leisten, weil Großvater plötzlich auf und davon war, in rasender Eile, und sie allein gelassen hatte.