Das Grand Hotel in Rom: Vor, während und nach dem Streik

Von Eka von Merveldt

Erster Tag

In der Vorhalle, die so groß ist wie ein Einfamilienhaus, fuhren um die Jahrhundertwende die Equipagen vor. Jetzt stehen dort häufig die wartenden Mercedes 600 und die großen Fiats der Staatsgäste. Bei der Ankunft werde ich im „Le Grand Hotel Roma“ begrüßt wie eine alte Bekannte, in meiner Sprache, das versteht sich in diesem Hotel von selbst. Der Gast hat von vornherein das Gefühl, er sei hier zu Hause. Er wird von dem Mann an der Rezeption wie vom Telephonfräulein mit Namen angeredet und ist nicht der Unbekannte von Zimmer 144, ob er ein Staatsoberhaupt, Milliardär, Astronaut oder nur ein Journalist ist, der herausfinden will, wie eines der berühmtesten Hotels der Welt und ein lebendes Denkmal aus der Belle Epoque mit reisenden Monarchen, Dichtern und Dienergefolge sich behauptet in dieser schwankenden Zeit und in einem Staat wie Italien, der in allen Fugen kracht und von sozialen Auseinandersetzungen, Streiks und politischen Machtproben geschüttelt wird-

Die Juniorsuite, die ich bezog, war wie eine Insel im brausenden Meer, losgelöst von den Wogen des Weltstadtverkehrs. Draußen moussierte, lärmte und kochte Rom in der Julihitze. Hinter den dicken Mauern und Doppeltüren des neoklassizistischen Palastes aus den Gründerjahren, der Maß an Barockpalästen von vorgestern genommen hatte, herrscht Stille. Das Grand ist eine Oase, nach dem Urteil eines Dauergastes, eine Art Paradies inmitten des Fegefeuers der heutigen Welt.

Dichte Vorhänge filtern das Licht wie durch Milchglas. Das künstliche Klima hält die Temperatur gleichmäßig auf 21 Grad (wenn es nicht wärmer gewünscht wird). Meine Suite ist eine der kleinsten im Grand: Salon, Schlafzimmer mit zwei Betten, Ankleidezimmer, Bad und Gäste-WC bieten Raum für eine Großfamilie. Die Kacheln im Badezimmer wiederholen das dezente Blumenmuster der Vorhänge. Venezianische Kronleuchter spenden festliches Licht.

Das große, prunkvolle Haus zwischen der Piazza Esedra und der Via Veneto im Zentrum der Stadt gelegen, wurde im Jahr 1894. vom Schweizer Hotelkönig Ritz eröffnet, als die Nähe des Hauptbahnhofs die Lage bestimmte und noch Eisenbahn und Schiff, nicht Auto und Flugzeug, die Gäste aus aller Welt herbrachten.