Nach der Methode von Sklavenhändlern“, entrüstete sich Rolf Fischer, Landesvorsitzender der Deutschen Journalisten-Union in Hessen, „hat die amerikanische Nachrichtenagentur United Press International (UPI) ihre Beschäftigten auf dem Arbeitsmarkt der Bundesrepublik feilgeboten.“ Dabei benutzte sie ihre bisherige Konkurrentin, die Deutsche Presse-Agentur (dpa) zu „Handlangerdiensten“ (Fischer).

dpa, so erfuhren Journalisten in der Frankfurter UPI-Zentrale, hatte sich vom Europa-Management der Amerikaner eine „Liste der noch verfügbaren UPI-Mitarbeiter“ kommen lassen. Einundvierzig an der Zahl – Techniker, Fernschreiber, Verwaltungspersonal und Journalisten –, waren sie säuberlich nach Alter, Betriebszugehörigkeit und Gehalt aufgeführt, dpa („Wir wollten den Leuten doch nur Gutes antun“) vervollständigte den Service: Die Presseagentur, die in 62 Ländern Nachrichten vertreibt, belieferte 143 deutsche Kunden mit der Preisliste – versehen mit Qualifikationsmerkmalen: xx = ganz besonders fähig, x = besonders fähig. Unterstrichen waren zudem die Namen derjenigen, denen dpa bereits ein Übernahmeangebot gemacht hatte.

Zur Zusammenarbeit der beiden Nachrichtenkonkurrenten kam es, als dpa (Jahresgewinn 1970: 50 000 Mark) der bislang bezogene britische Reuters-Weltnachrichtendienst zu teuer wurde und die Hamburger deshalb auf UPI umstiegen. Die Amerikaner quittierten das Geschäft honorig. Zum Dank wollten sie dpa in Deutschland keine Konkurrenz mehr machen. Postminister Lebers Gebührenerhöhung, für UPI wegen seiner Standleitungen schmerzlicher als für die meist per Funk arbeitende dpa, „erleichterte“ die Einstellung des deutschsprachigen UPI-Dienstes.

Die Mitarbeiter gingen dabei in der Kostenrechnung unter. Auch dpa sah nur Zahlen. Ein Sozialplan für die UPI-Bediensteten wurde von beiden Partnern nicht erwogen. Denn, so dpa-Geschäftsführer Wolfgang Weynen: „Was die Leute von UPI machen, wenn ihr Dienst eingestellt wird, geht uns im Prinzip nichts an. Es war ja keine Fusion.“

Generell wollte man denn auch über deren Verbleib nichts wissen. Nur ein paar Rosinen wollte sich Weynen herauspicken: „UPI hat ja bekanntlich ganz fähige Kräfte.“ So bat dpa den Frankfurter UPI-Chefredakteur Cay Graf Brockdorff-Ahlefeld um eine Liste. Der Chefredakteur, so dieser vor der UPI-Betriebsversammlung, lehnte strikt ab.

Wie schon vordem war das Geschäft eher auf der „höheren Ebene“ zu machen. UPI-Vizepräsident Julius B. Humi und Europa-News-Manager Wellington Long erstellten die gewünschte Tabelle. Freilich, von UPI-Kollegen zur Rede gestellt, fiel Long nachträglich eine Klausel ein. Die Gehaltsliste sei dpa nur zum „internen Gebrauch“, nicht etwa zur Verbreitung ausgehändigt worden. dpa-Chef Weynen zu UPI-Protestlern: „Ihr Mister Long lügt!“

Der Streit droht zu einem Kampf aller gegen alle zu werden. Während Chefredakteur Brockdorff-Ahlefeld und der deutsche Geschäftsführer Jack L. Hees „von alledem nichts gewußt“ haben wollen und ihre Londoner Oberen des Vertrauensbruchs bezichtigen, stellt dpa-Weynen klar: „Hees hat, unter Zeugen, die Liste zugesagt.“

Der erste scharfe Schuß in dem Gerangel fiel zum Wochenende. Für „sämtliche in der Liste namentlich genannten UPI-Mitarbeiter“ kündigte der Frankfurter Betriebsrat „rechtliche Schritte sowohl gegen UPI als auch gegen dpa“ an. Mit der Erstellung der Liste und ihrer Weitergabe an dpa habe die Geschäftsleitung der UPI in London ihre „Fürsorgepflicht in einem Maße verletzt, das im Geschäftsleben der Bundesrepublik bisher undenkbar erschien“. Sekundierte die Deutsche Journalisten-Union: „Arbeitnehmer sind keine Ware, die verramscht werden kann.“ dpa bat derweil per Ticker ihre Kunden, die erhaltene Liste nicht weiter zu verwenden, da sie „überholt“ sei. Tatsächlich nämlich waren, so reklamierten die aufgebrachten UPI-Mitarbeiter, in der Gehaltsliste auch noch „Fehler bis zu 600 Mark“ enthalten. Horst-Wolfgang Bremke