Ein Jahr nach dem Waffenstillstand am Suezkanal bietet der Vordere Orient ein Bild der Verworrenheit. In der Flut der Erscheinungen gibt es derzeit nur zwei feststehende Tatsachen: Das arabische Lager wird von akuten inneren Erschütterungen heimgesucht, und das arabisch-sowjetische Verhältnis ist einer schweren Belastung unterworfen. Was dies allerdings für die künftige Machtstruktur im Nahen Osten und für die Frage von Krieg und Frieden bedeutet, läßt sich vorerst nur schwer abschätzen.

Es war Ägyptens Präsident Sadat selbst, der das Stichwort von der „Auflösung“ der arabischen Einheit gegeben hat. In der Tat kriselt es allenthalben in der islamischen Welt. In Rabat und Khartum stehen nach den jüngsten Coups die Hinrichtungspelotons noch immer in Bereitschaft, in Jordanien ist König Hussein dabei, nicht minder hart, den palästinensischen Freischärlern den Garaus zu machen. Von einer einheitlichen Front kann weniger die Rede sein denn je zuvor. Nur vier von neun eingeladenen arabischen Führern folgten jüngst dem Ruf des libyschen Hitzkopfes Ghaddafi zur Konferenz nach Tripolis; vier waren gar nicht erst gebeten worden.

Nicht minder folgenschwer ist die andere Entwicklung dieses Sommers: die Entfremdung zwischen Moskau und seinen arabischen Freunden. Sie ist seit dem mißglückten Linksputsch im Sudan nicht mehr zu übersehen. Die Sowjets hatten dort voreilig den Putschisten zugejubelt; der Kremlbotschafter war der einzige, der dem Anführer des kurzlebigen Staatsstreichs seine Aufwartung machte. Die Tätigkeit der bulgarischen Botschaft und der DDR-Fachleute, die den sudanesischen Sicherheitsdienst organisieren, scheint gleichfalls nicht ganz astrein gewesen zu sein. Nicht nur der ägyptische Präsident Sadat, der erst im Mai mit einem Komplott moskautreuer Politiker fertig geworden war, auch andere arabische Führer, die sich „sozialistisch“ nennen, müssen sich jetzt fragen, ob ihre Herrschaft von einheimischen kommunistischen Umstürzlern nicht weit gefährlicher bedroht wird als von unbekehrten Royalisten, von Zionisten oder Imperialisten.

Die sudanesischen Ereignisse haben Arabern wie Russen einen Stoß versetzt. Unversehens deckten sie die tiefe Widersprüchlichkeit auf, die in das Fundament der sowjetisch-arabischen Allianz eingebaut ist. Einige arabische Staaten sind außenpolitisch und militärisch vom Kreml abhängig; aber während sie Rubel, Raketen und Ausbilder aus Moskau gern annehmen, werfen sie die ideologischen Anhänger der kommunistischen Zentrale in den Kerker oder stellen sie an die Wand. Umgekehrt paktiert der Kreml aus machtpolitischen Zweckmäßigkeitserwägungen mit Regierungen, auf deren Sturz seine Gefolgsleute im Lande heimlich hinarbeiten. Wahrer Bündnisgeist kann aus solcher Doppelgleisigkeit, die ja die Schizophrenie zum politischen Prinzip erhebt, schwerlich erwachsen. Dies erklärt die nervösen Appelle, die der Ostblock in den letzten Tagen an die Araber richtete, aber auch die unverhüllten Warnungen vor ungebührlicher sowjetischer Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten, mit denen sich die arabischen Führer revanchieren – allen voran Anwar el Sadat.

Solange jedoch nüchterne Berechnung vorwaltet, ist mit extremen Entwicklungen nicht zu rechnen. Der Nutzen selbst eines angeknackten Verhältnisses ist gegenwärtig für beide Seiten immer noch größer als die Verlockung zum totalen Bruch. Der Lack freilich ist ab. Die Sowjets wissen jetzt, daß sie ihre Nahostpolitik auf eine Wanderdüne gebaut haben; den Arabern ist aufs neue vor Augen geführt worden, daß der Weg nach Moskau mit Tellerminen gepflastert ist.

Mit einigem Glück sollten sich die jüngsten Ereignisse zugunsten des Friedens im Orient auswirken. Moskau kann kein Interesse an einer abermaligen Niederlage seiner Klienten haben – aber auch nicht an einem Sieg der Araber, der sie des Zwangs zum Bündnis mit der Sowjetunion entheben würde. Andererseits müßte Kairo daran gelegen sein, seine Abhängigkeit von den Kommunisten wenigstens durch erste Schritte zu einem Ausgleich mit Israel zu Vermindern.

Eine Garantie dafür gibt es nicht. Immerhin sehen manche kundige Beobachter des orientalischen Kaleidoskops in Sadats Erklärung, in diesem Jahre noch müsse die Frage Krieg oder Frieden entschieden werden, weniger die Androhung neuer militärischer Unternehmungen denn vielmehr den Wunsch nach Verlängerung des Waffenstillstandes bis Jahresende. Wenn dem tatsächlich so wäre, müßte Israel, um die Ägypter zu ermutigen, jetzt mehr diplomatisches Entgegenkommen bezeigen, als in den Gesprächen zwischen Jerusalemer Politikern und dem amerikanischen Unterhändler Sisco erkennbar geworden ist.

Die Aufstellung hat sich verändert im nahöstlichen Turnier. Im Augenblick ist keineswegs klar, wer am Ende der Reiter sein wird und wer das Kamel. Th. S.