Vor 100 Jahren wurde Karl Liebknecht geboren

Von Ossip K. Flechtheim

In Ost und West ist es üblich, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg meist zusammen zu nennen – als radikale Internationalisten, als revolutionäre Marxisten und als die Begründer der KPD. In der Tat haben sich ihre Lebenspfade des öfteren gekreuzt; beide sind auch ein Stück Weges miteinander gegangen – ja, ihre Lebensspanne umfaßt genau den gleichen Zeitraum von 1871, der Gründung des Deutschen Reiches, bis 1919, der Errichtung der Weimarer Republik. Ihren Tod gefunden haben sie sogar am gleichen Tage von der Hand der gleichen Mörder. Dennoch wäre es falsch, die beträchtlichen Unterschiede von der Tätigkeit und im Charakter dieser beiden großen Nonkonformisten zu übersehen. Die Sozialökonomin Rosa Luxemburg blieb Zeit ihres Lebens, viel stärker als Liebknecht, Testamentsvollstreckerin des theoretischen Werkes von Marx und Sprecherin der marxistischen Linken, wobei ihr stets etwas von der Abstraktheit der Systematikerin anhaftete. Der Jurist Liebknecht war hingegen vor allem Parlamentarier, Orator und Organisator, ein eigenwilliger sozialphilosophischer Essayist und nicht zuletzt ein Visionär von prophetischer Kraft.

Kam die aus einer jüdischen Familie in Polen stammende Rosa Luxemburg erst als Achtundzwanzigjährige nach Deutschland, so wurde der aus einer alten Familie lutherischer Pfarrer am 13. August 1871 in Leipzig geborene Karl – Sohn des Achtundvierzigers und Mitbegründers der Sozialdemokratischen Partei Wilhelm Liebknecht; in zweiter Ehe mit einer Russin verheiratet – sozusagen in die deutsche Arbeiterbewegung hineingeboren, um freilich schon bald zum Weltbürger zu werden.

1899 eröffnete Karl Liebknecht gemeinsam mit seinem älteren Bruder Theodor ein Rechtsananwaltsbüro in Berlin: „Es war das zweitgrößte von den etwa tausend, die es in Berlin gab. Karl Liebknecht übernahm die Verteidigung in kriminellen Verfahren, aber hauptsächlich in politischen Prozessen... Für jeden Gestrauchelten hatte er ein gutes und belehrendes Wort. Die Höhe des Honorars für die Verteidigung war nicht das wichtigste, sondern die Sorge um die Menschen, die sich ihm anvertrauten.“ 1)

1901 wurde Liebknecht Berliner Stadtverordneter, 1908 Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses, 1912 des Reichstags. Als einer der Führer des linken Flügels setzte er sich leidenschaftlich gegen den Immobilismus und Fatalismus der Parteibürokratie, für den Massenstreik, für die antimilitaristische Erziehung der Jugend, für den Kampf gegen den Krieg ein. Seine Verteidigung russischer Revolutionäre vor einem deutschen Gericht 1904, seine 1907 veröffentlichte Schrift „Militarismus und Antimilitarismus“, die ihm anderthalb Jahre Festungshaft einbrachte, seine Enthüllungen der Kriegsmachinationen und Bestechungsaffären von Krupp und anderen Firmen der Rüstungsinternationale 1913 im Reichstag machten ihn auch im Ausland bekannt. Er betätigte sich aktiv in der Zweiten Internationale – zusammen mit L. Frank und H. de Man begründete er zudem 1907 die Sozialistische Jugendinternationale. Obwohl er den Weltkrieg von vornherein als „einen von der deutschen und österreichischen Kriegspartei gemeinsam im Dunkel des Halbabsolutismus und der Geheimdiplomatie hervorgerufenen Präventivkrieg“ auffaßte, stimmte er noch am 4. August 1914 aus Fraktionsdisziplin für die Kriegskredite. Als erster und einziger lehnte er sie dann aber am 2. Dezember 1914 ab. Schon im Februar 1915 wurde er als Armierungssoldat eingezogen – er, der eine Waffe zu tragen ablehnte, erlebte nun alle Schrecken des Krieges an der West- und Ostfront.

Am 12. Januar 1916 schloß ihn die sozialdemokratische Reichstagsfraktion mit 60:25 Stimmen aus. Am 1. Mai 1916 demonstrierte er auf dem Potsdamer Platz gegen den Krieg. In der Berufungsinstanz wurde er schließlich zu vier Jahren und einem Monat Zuchthaus verurteilt. Selten hat wohl ein Angeklagter die Rollen so zu vertauschen gewußt wie Liebknecht in der Verhandlung am 25. August 1916. Zum Anklagevertreter gewandt: „Zuchthaus!“ „Verlust der Ehrenrechte!“ „Nun wohl! Ihre Ehre ist nicht meine Ehre! Aber ich sage Ihnen: Kein General trug je eine Uniform mit so viel Ehre, wie ich den Zuchthauskittel tragen werde. Ich bin hier, um anzuklagen, nicht – um mich zu verteidigen. Nicht Burgfrieden, sondern Burgkrieg ist für mich die Losung! – Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!“