Von Edgar Mertner

Am 16. August wird der Shakespeare-Übersetzer Rudolf Schaller, Schwerin, achtzig Jahre alt. Das ist Anlaß, auf ein Werk zurückzublicken, das gerade im letzten Jahrzehnt in Deutschland hüben wie drüben zunehmend Beachtung gefunden hat.

Seit 1960 sind vier Übersetzungsbände mit 15 Dramen erschienen, vor allem Tragödien und Lustspiele, während ein fünfter Band mit Königsdramen in Kürze zu erwarten ist. Das ist zwar nur die Hälfte des ganzen Kanons; aber wenn man bedenkt, daß der erste deutsche Übersetzer, Wieland, es nur auf 22 Prosaversionen gebracht hat und daß Schlegel nur 17 Stücke selbst übersetzt hat, dann kann sich Schalters Werk auch dem Umfang nach durchaus sehen lassen.

Denn es wäre ein Irrtum zu glauben, ein heutiger Shakespeare-Übersetzer habe es, gestützt auf so viele vor ihm, leichter als Wieland und Schlegel. Die Tradition hindert ihn eher, als daß sie ihn begünstigt.

Der Name Schlegels bezeichnet eine Sternstunde in der deutschen Shakespeare-Rezeption. Sein Shakespeare ist Bestandteil der deutschen Literatur geworden, Zitate aus seinen Übersetzungen füllen nicht weniger als acht Seiten in Büchmanns Geflügelten Worten. Sein langer Schatten lag über den Versuchen aller seiner Nachfolger im 19. und vieler im 20. Jahrhundert.

An Schlegel ist nicht recht vorbeizukommen, auch nicht in unserer Zeit, die begonnen hat, gewisse Erkenntnisse oder auch nur vermeintliche Erkenntnisse der jeweilig vorherrschenden Shakespeare-Interpretation die Übersetzungen maßgeblich beeinflussen zu lassen. Hans Rothe begann damit in den zwanziger Jahren, indem er die inzwischen längst datierbare Vorstellung vom „unklassischen“ Shakespeare der sogenannten „Disintegratoren“ zur Grundlage seiner Eindeutschungs- und Modernisierungskonzeption machte. Danach gab Shakespeare nur den Namen für sein Werk her, an dem viele mitgearbeitet hatten und das beliebig verändert wurde.

So rigoros sind andere Übersetzer nicht verfahren. Aber auch bei Richard Flatter, der zwanzig Jahre später hervortrat, ist die Verhaftung in einer bestimmten literarkritischen Phase, in der alles Formale im Vordergrund stand, deutlich zu spüren.