In der indisch-pakistanischen Auseinandersetzung hat nach Peking jetzt Moskau als zweite Großmacht eindeutig Stellung bezogen. Am Montag unterzeichneten der sowjetische Außenminister Gromyko und sein indischer Kollege Swaran Singh in Neu-Delhi einen Freundschafts- und Beistandspakt über zwanzig Jahre.

Während Peking sich schon zu Beginn des Bürgerkrieges in Ostpakistan hinter Islamabad gestellt und Indien vor einem Eingreifen in den Konflikt massiv gewarnt hatte, verhielt sich die Sowjetunion sowohl gegenüber den Auseinandersetzungen in Pakistan als auch gegenüber den schnell wachsenden Spannungen zwischen Pakistan und Indien zurückhaltend. Es schien eine Zeitlang, als wolle Moskau noch einmal wie 1966 in Taschkent im indisch-pakistanischen Krieg zwischen beiden Ländern vermitteln.

In den vergangenen Wochen aber, nachdem Peking in Islamabad immer festeren Fuß gefaßt hatte und Indien sich gezwungen sah, seine strikte Neutralität aufzugeben, ergriff Moskau die Partei Neu-Delhis. Hinter dem Vordergrund des indisch-pakistanischen Konfliktes haben damit Moskau und Peking auf dem Subkontinent gegeneinander Stellung bezogen.

Zwischen die Fronten drohen jetzt die-Vereinigten Staaten zu geraten. Neu-Delhi ist über Washington verstimmt, weil die Vereinigten Staaten Pakistan weiter militärisch und ökonomisch unterstützen. In Washington wird andererseits der Druck auf Präsident Nixon größer, jede Hilfe für Islamabad zu unterlassen. Das Repräsentantenhaus stimmte für eine sofortige Einstellung der militärischen Hilfe.

Die Sowjetunion und Indien verpflichten sich, im Kernstück ihres Paktes, sich an keinem gegen den anderen Vertragspartner gerichteten Militärbündnis zu beteiligen, ihr Territorium nicht für militärische Handlungen gegen den Partner zur Verfügung zu stellen, keiner dritten Seite Unterstützung zu leisten, die einen bewaffneten Konflikt mit dem Partner beginnt, und keine Verpflichtungen gegenüber anderen Staaten einzugehen, die mit dem vorliegenden Vertrag unvereinbar sind. Eine ausdrückliche Verpflichtung zum gegenseitigen militärischen Beistand enthält der Pakt nicht. Im Falle eines Angriffs oder der Gefahr eines Angriffs wollen sich beide Staaten mit dem Ziel beraten, wie die Gefahr gebannt und wie der Frieden und die Sicherheit gewährleistet werden könnten.

In den übrigen Artikeln wird betont, daß keiner der Partner sich in die inneren Angelegenheiten des anderen einmischen wird und daß auf wirtschaftlichen, technischen und kulturellen Gebieten die Zusammenarbeit zwischen beiden Staaten ausgebaut werden soll.

Nach dem Abschluß des sowjetischindischen Paktes wird jetzt in Neu-Delhi damit gerechnet, daß Indien schon bald die Freiheitsbewegung von Bangla Desh als einzige politische Vertretung Ostpakistans anerkennt. Indien hatte diesen Schritt immer wieder bis zu einem „günstigeren“ politischen Augenblick hinausgeschoben. In der indischen Hauptstadt wird aber auch warnend darauf hingewiesen, daß damit die Kriegsgefahr noch größer wird als zum gegenwärtigen Zeitpunkt.