Von Karl Holl

In der Bundesrepublik beginnt die deutsche Friedensbewegung soeben erst Gegenstand historischer Forschungen zu werden. Während zum Beispiel mit den noch unveröffentlichten Arbeiten der Amerikaner Roger B. Chickering und James D. Shand beachtliche Beiträge zur Pazifismusforschung zu erwarten sind; während in der DDR wie in der noch unveröffentlichten Dissertation Erwin Gülzows über den „Bund Neues Vaterland“ im Ersten Weltkrieg und in dem 1970 erschienenen Buch von Heinz Herz über Moritz von Egidy der deutsche Pazifismus eine wissenschaftliche – marxistisch bestimmte – Würdigung erfahren hat, werden erst jetzt ähnliche Arbeiten in der Bundesrepublik begonnen oder zu Ende gebracht.

Es ist deshalb sehr zu begrüßen, daß nach der Publikation von Utz-Friedebert Taube über die Anfänge Ludwig Quiddes (1963) nunmehr eine wesentlich besser gelungene Arbeit über Walther Schücking vorliegt. Es handelt sich um das Buch von

Detlev Acker: „Walther Schücking (1875–1935)“; Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung, Münster 1970; 228 S., 48,– DM.

Man mag es bezeichnend und unbefriedigend zugleich für die Forschungslage finden, daß zur Darstellung der deutschen Friedensbewegung ein biographischer Zugang gewählt worden ist. Aber bevor Überblicke und Gesamtanalysen erbracht werden können, vermag auch hier die das Lebenswerk eines Politikers umspannende Biographie wesentliche Vorarbeiten zu leisten. Dies gilt gewiß für die Darstellung des Lebens von Walther Schücking, des bedeutenden Pazifisten, Völkerrechtslehrers und linksliberalen Politikers. Ackers Buch ist eine durchweg geistesgeschichtlich orientierte Arbeit, die vor allem dem pazifistischen Wirken Schückings gewidmet ist, wobei die benutzten Quellen – vor allem der aus vier getrennten Teilen bestehende Gesamtnachlaß Schückings, daneben auch zahlreiche weitere Nachlässe und Amtsakten – ein gediegenes Fundament liefern.

Der politische Lebensweg des aus kulturbewußten westfälischer Familie stammenden Gelehrten mündet aus nationalsozialen, dabei von kritischer Distanz zu Friedrich Naumann gekennzeichneten Anfängen bereits vor 1914 in die deutsche Friedensbewegung ein. Der Friedensbewegung hat sich Schücking nicht nur als ein in der linksliberalen und demokratischen Parteitradition stehender Politiker, sondern auch als Vertreter einer modernen Völkerrechtslehre verpflichtet gewußt, die den Boden des positivistischen Völkerrechts endgültig aufgibt und sich entschieden am Naturrecht orientiert. Schücking hat dafür in seiner Marburger Zeit Isolierung in Kauf nehmen müssen wie auch im obrigkeitlichen wilhelminischen Staat persönliche Schwierigkeiten wegen seines pazifistischen und antipreußischen Engagements.

Künftig war er an allen wichtigen Projekten der deutschen Friedensbewegung als Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft aktiv beteiligt. Dies gilt besonders für eine maßgebliche Beteiligung an der 1911 erfolgten Gründung und an der Tätigkeit des „Verbandes für internationale Verständigung“, der als Gegengewicht zum „Alldeutschen Verband“ konzipiert war, aber gerade in dieser Funktion unwirksam blieb. Es gilt auch für die „Zentralorganisation für einen dauernden Frieden“, die während des Ersten Weltkrieges schon früh eine internationale Konferenz (1915) unter Beteiligung alliierter und neutraler Friedensfreunde im Haag organisierte.