Die Sache kam kleckerweise heraus, und als das Gekleckere einen veritablen Klecks ergab, da war er auch schon wieder beseitigt. Aber wie das bei solchen Prozeduren nun einmal so ist: ein Rand ist geblieben.

Es begann damit, daß Bundespräsident – Heinemann begann, sich für Kunst zu interessieren. Auf dem Umweg über die Politik. Denn, so darf man annehmen, nicht der Maler Lovis Corinth hatte es ihm angetan, sondern Friedrich Ebert, der Vorsitzende der SPD, der 1919 zum Reichspräsidenten gewählt wurde. Das 1924 entstandene Porträt des Politikers zählt nicht unbedingt zu den Meisterwerken eines Malers, den zu den Meistern deutscher Malerei zu zählen nicht unbedingt. nötig ist. Aber es geht hier ja um Politik und nicht um Kunst, und als der Bundespräsident überlegte, wie die Basler Leihgabe, die den Empfangsraum der Villa Hammerschmidt zierte, in die ewigen Bestände Bonner Wandschmucks einzubringen sei, da ging es ihm wohl auch um die noch junge Geschichte deutscher Demokratie, die, verglichen mit der etwas älteren der deutschen Malerei, noch ein wenig konturenlos wirkt.

Auf die Anfrage in Basel, was denn zu tun sei, um Friedrich Ebert über den Gastaufenthalt hinaus Deutschland zu erhalten, kam, wie bekannt, die Antwort, daß man Kunst gern mit Kunst vergolten sähe und, auch die Basler konnten hier einen diskreten Hinweis auf ihren Sinn für Historie anbringen, doch gern den Ebert von Corinth gegen jenes Bild von Hans Holbein dem Jüngeren eintauschen würde, das als „Schutzmantelmadonna“ bekannt ist und die Madonna mit der Familie des Basler Bürgermeisters Jakob Meyer zeigt. Vorstudien und Skizzen zu diesem Bild befinden sich ohnehin in Basel, für eine Wertdifferenz wolle man gern aufkommen.

Da das Holbein-Bild im Darmstädter Schloßmuseum hängt, tat der Bundespräsident das, was man das Naheliegende nennt, und gab die Anfrage an den hessischen Kultusminister von Friedeburg weiter. Dieser wiederum tat das Seine, indem er einen Brief an die Prinzessin Margaret von Hessen und bey Rhein, die Besitzerin des Holbein-Bildes, aufsetzte und ihr, für den Fall der Zustimmung, auch eine unbürokratische Abwicklung des Falls zusicherte.

„Ich wäre dankbar“, so schrieb er, „wenn Sie Ihre Entscheidung zunächst unabhängig von der Frage der Zustimmung des Bundesministers des Inneren auf Grund des Gesetzes zum Schutz deutschen Kulturgutes gegen Abwanderung mitteilen würden.“

Die Prinzessin bedauerte, diesem zuvorkommenden Angebot nichts abgewinnen zu können. Dabei wäre ihr Gewinn ein erheblicher gewesen: in den Gefilden der Wirtschaft, die den Politikern vielleicht vertrauter sind als die Kategorien der Kunst, vergleicht sich der Holbein zu dem Corinth mit etwa 15 Millionen zu etwa 100 000 Mark.

Den Herren aus Basel gebührt alle Bewunderung, für ihre Pfiffigkeit wie für ihr kulturelles Selbstbewußtsein. Und man erinnert sich bei dieser Gelegenheit, wie das war, als vor ein paar Jahren die zur Staechelin-Leihgabe des Basler Museums gehörenden wunderbaren Picasso-Bilder unter den Hammer kommen sollten, weil die Erben der Leihgeber inzwischen mit Flugzeugen bankrott gemacht hatten: In einer Volksabstimmung wurde beschlossen, die Bilder um jeden Preis (in diesem Falle den eines 6-Millionen-Staatskredites) dem Museum zu erhalten. Als Picasso das hörte, schenkte er den kunstsinnigen Baslern gleich noch vier Bilder dazu.