Achtzehn Menschenleben, über 200 verwundete Zivilisten und Soldaten, mehr als 100 abgebrannte Häuser, fünf zerstörte Fabriken und ein nicht abzuschätzender Sachschaden – das ist die traurige Bilanz der bisher schwersten und blutigsten Unruhen, die Nordirland zu Wochenbeginn erschütterten. Straßenschlachten in allen Städten legten Verkehr und Wirtschaft lahm. Polizei und 12 000 Soldaten, nach dreitägigen Kämpfen übermüdet, konnten der Brandstiftungen, Plünderungen und Schlägereien nur vorübergehend Herr werden. Unablässig griffen die Untergrundkämpfer der verbotenen „Irischen Republikanischen Armee“ (IRA), die eine Vereinigung Ulsters mit der Republik Irland erzwingen wollen, mit Waffen, Sprengstoff und Nagelbomben an. Irland erlebte einen bürgerkriegsähnlichenZustand.

An seinem Ausbruch ist London nicht unschuldig. Aus Sorge vor den für diese Woche geplanten großen protestantischen Umzügen – die wie alle Demonstrationen jetzt auf sechs Wochen verboten sind – billigte es in geheimer Sitzung die Internierung aller IRA-Anhänger ohne gerichtliche Untersuchung. Ein solches Sondergesetz war schon von 1957bis 1961 in Kraft.

Am Samstag erschoß ein nervöser britischer. Soldat auf einem Posten, der schon zweimal von der IRA angegriffen worden war, irrtümlich einen unschuldigen katholischen Autofahrer, weil er Fehlzündungen des Wagens für Schüsse gehalten hatte. In die daraufhin ausbrechenden Kämpfe der empörten Katholiken mischten sich Heckenschützen der IRA.

Die am Montag anlaufende Internierungswelle vereinte dann IRA und die aktive katholische Minderheit im Kampf gegen Polizei und Soldaten. Protestanten verließen fluchtartig ihre Wohnungen in katholischen Vierteln, die mit brennenden und umgestürzten Bussen abgeriegelt wurden. Die Armee errichtete Auffanglager.

Bis zum Dienstag waren rund 500 Nordiren festgenommen worden, daranter höchstens 120 IRA-Mitglieder. Deren Führungsspitze hatte nach einem lange vorbereiteten Alarmplan fliehen können. Nur einer ihrer Stabsoffiziere starb nach: einer Schußverletzung. Die IRA entführte ihn im Krankenwagen und bahrte ihn in einer Schule auf.

Bürgerrechtler und Katholiken aller politischen Richtungen protestierten gegen die Festnahmen. Die irische Unterhausabgeordnete Devlin rief zu zivilem Ungehorsam auf: Der irische Außenminister Patrick Hillary flog nach London, um mit der britischen Regierung über die Unruhen zu sprechen. Der nordirische Premierminister Faulkner verteidigte seine Maßnahme als unerläßliche Voraussetzung für Ruhe und Ordnung.