Amerikas Diplomaten in Saigon fühlen sich mißverstanden. Sie hatten dem südvietnamesischen Präsidenten Van Thieu den Wunsch ihrer Regierung nahegebracht, aus den Wahlen am 3. Oktober müsse ein sowohl demokratisch legitimierter wie auch politisch mächtiger Präsident hervorgehen, der das Land nach dem Abzug der US-Truppen am straffen Zügel regieren könne. Nicht, daß sie die Illusion hegten, Wahlen in Südvietnam könnten denen der Demokratien des Westens gleichen. Ein wenig demokratisch aber sollte es zugehen – und wenn nur der Schein gewahrt bliebe.

Doch nicht einmal dazu scheint es zu reichen. Die Ablehnung der Kandidatur des Vizepräsidenten Ky durch das Oberste Gericht hat gezeigt, wie der Präsident das Wahlsystem zu seinen Gunsten manipulieren kann. Ky erhielt zwar die für seine Kandidatur notwendigen 102 Unterschriften von Provinzialräten; ein Teil dieser Räte aber hatte vorher schon für Thieu unterzeichnet. Wahrscheinlich hatten sich die Räte ihr Amt mit Blanko-Unterschriften erkauft, von denen sie nicht wußten, wofür sie eines Tages gebraucht werden würden.

Nachdem so ausgerechnet der mit vielen trüben Wassern gewaschene Ky übers Ohr gehauen wurde, bleibt als einziger Gegenkandidat der populäre General Duong Van (Big) Minh. Zumindest der Schein demokratischer Wahlen wäre gewahrt worden, wenn sich Minh den Verhältnissen gefügt hätte. Aber der General im Ruhestand kündigte nach dem politischen Knock out von Ky an, er werde seine Kandidatur zurückziehen, da der Präsident keine fairen Wahlen zulasse. Darüber hinaus hat Minh wiederholt mit einem Staatsstreich gedroht. Gegenwärtig ist die Stellung Thieus zu stark, als daß er eine solche Drohung fürchten müßte. Auch dann, wenn Thieu, mit oder ohne Gegenkandidaten, die Mehrheit gewinnt, bleibt die von den Amerikanern angestrebte innenpolitische Stabilisierung ein eitler Traum. Von Demokratisierung spricht ohnehin niemand mehr. K. P.