Von Horst Krüger

Täusche ich mich? Außerhalb der Mauern unserer Universitäten ist es ziemlich still geworden. Die Revolution hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Sie findet wieder im Saale statt: in Hochschulsälen. „Spartakus“ heißt die neue Formation der Studenten, und sie ist einem Marxismus ergeben, der deutlich SED-nahe Züge trägt – offenbar kann die Welt doch mit den Parolen der KP geheilt werden, obwohl, meine ich, die Erfahrungen mit den kommunistischen Staaten da wenig Anlaß zur Hoffnung geben.

Vorbei aber die Ho-Tschi-minh-Rufe, die großen Straßendemonstrationen, die Kämpfe mit der Polizei vor amerikanischen Generalkonsulaten. Im abgelaufenen Semester gab es in Frankfurt am Main zum Beispiel keine einzige Demonstration der Studenten, die nicht wie andere Demonstrationen abgelaufen wäre, wie Demonstrationen der Kriegsdienstverweigerer, der Krankenschwestern, der Gewerkschaft, der Polizei: ordentlich.

Die öffentliche Empörung hat sich erschöpft. Da ist etwas zu seinem Ende gekommen, das man, etwas ironisch, Straßentheater nennen könnte. Das gab es doch einmal bei uns, seitdem dieser Schah von Persien seinen unseligen Besuch in Westberlin machte, also vor vier Jahren. Wo ist das hin? Ich schlage mich auch nicht auf die Seite derer, die es ja ohnehin vorher so kommen sahen: die berühmten Warner und Besserwisser. Es ist auch kein Unterton von Schadenfreude dabei, wenn ich hier das Ende dieser jungen, hochgestimmten Aufstandsbewegung in den Straßen unserer Städte registriere.

Natürlich hat man es als kritischer Begleiter, als skeptischer Zeitgenosse, als Scheißliberaler, wie man tituliert wurde, so oder ähnlich kommen sehen. Ich brauche nur in meinen Artikeln der letzten drei Jahre herumzublättern, um Warnungen, skeptische Prognosen zu Beginn und auf halbem Weg genug zu finden. Doch das will ich nicht, denn das meine ich nicht.

Ich meine diesen Augenblick der Erschöpfung jetzt, des Auseinanderlaufen in viele Gruppen, Grüppchen, Sekten und Minifraktionen. Eine einmal in unserer Öffentlichkeit doch sehr potente Bewegung versinkt und versackt so langsam. Teufel und Langhans: wo ist das hin?

Man hatte sich schon daran gewöhnt: Straßentheater. Ich hatte zwar immer manches auszusetzenan dieser Jugendrevolte, und manches hat man mir böse vermerkt, aber jetzt, wo der nüchterneund ziemlich traumlose Alltag eines offenbardoch maßlos unterschätzten Kapitalismus wieder Platz greift, frage ich mich manchmal nach dem, was bleiben sollte. Also Verlustgefühle. Worum wäre es nun wirklich schade, wenn es mit unterginge, mit verloren würde in dieser Stunde der Erschöpfung?