Zum erstenmal gibt es für die Weiterentwicklung der Rentenversicherung „echte“ Alternativen, sagen Fachleute. Der Entwurf von Bundesarbeitsminister Arendt, der Ende September oder Anfang Oktober vom Kabinett beschlossen werden soll, und die Vorschläge seines CDU-Opponenten und Amtsvorgängers Hans Katzer unterscheiden sich in einem gewichtigen Punkt in der Sache – und in den Kosten. Arendt will „gezielte“ Maßnahmen, Katzer zunächst etwas mehr für alle Rentner.

Arendts Hauptstück, die flexible Altersgrenze (Rentenbezug möglich ab 63. Lebensjahr nach 35 Versicherungsjahren), würde im geplanten Einführungsjahr 1973 2,51 Milliarden Mark kosten, wenn alle Berechtigten davon Gebrauch machten. In der langfristigen Vorausberechnung bis 1985 wären das 73 Milliarden. Niemand nimmt allerdings an, daß dies hundertprozentig ausgenutzt wird. Wenn nur 70 Prozent der Berechtigten die Rente früher beantragen, kostet das 1973 nur 1,757 Milliarden, langfristig rund 50 Milliarden. Bei nur 50 Prozent Ausnutzung liegen die Kosten des ersten Jahres bei 1,255 Milliarden, bei 30 Prozent bei 0,753 Milliarden.

Die große Popularität des Projekts jedoch läßt auch nach Ansicht der Ministerialen in Bonn erwarten, daß nicht wenige Arbeitnehmer von dem Angebot Gebrauch machen werden. Genaue Schätzungen gibt es allerdings nicht. Die Möglichkeit, bis zu einem Viertel der allgemeinen Bemessungsgrundlage hinzuzuverdienen (1973: 575 Mark im Monat), stattet den früheren Rentenbezug zusätzlich mit einer gewissen Attraktivität aus.

Die weiteren Arendt-Projekte sind billiger: die Rente „nach Mindesteinkommen“ (für die früher im Lohn Benachteiligten) kostet 1973 0,4 Milliarden und dürfte sich in den Folgejahren nur geringer kumulieren, da das Lohnniveau der früher benachteiligten Arbeiter und Frauen: sich schon in den letzten 20 Jahren immer mehr dem Durchschnitt angeglichen hat,

Das geschenkte Babyjahr für Frauen, das allerdings erst für Versicherungsfälle ab 1974 (Rentenbezug) eingeführt werden soll, kostet im ersten Jahr nur 40 Millionen Mark. Hätte man es auch für die jetzigen Rentnerinnen eingeführt, hätte dies 800 Millionen gekostet. Diese Frauen gehen aber dennoch nicht leer aus: Die Rente nach Mindesteinkommen wird bei vielen zu Verbesserungen führen.

Keinerlei zusätzliche Kosten wird die sowohl von Arendt wie von Katzer angestrebte Öffnung der Rentenversicherung – für Selbständige wie für Frauen – bringen. Hier kommen zunächst mehr Beiträge ein, als Kosten entstehen. Ungefähr kostenneutral wird auch das sogenannte Rentensplitting im Fall der Scheidung sein. Insgesamt wird sich der Gesetzentwurf von Arendt, der im Augenblick mit den Verbänden, den Ressorts und den Ländern abgestimmt wird, auf knapp drei Milliarden im ersten Jahr belaufen.

Die Gesamtkosten in der so häufig zitierten 15-Jahre-Vorausberechnung, deren Daten sich freilich in jedem Jahr entsprechend der wirtschaftlichen Entwicklung ändern (bisher stets günstiger werdend), dürften noch sehr deutlich unter 100, wahrscheinlich um 85 Milliarden Mark liegen. Damit bliebe nach der diesjährigen Rechnung immer noch ein Spielraum bis zu jener Marge, die den eisernen Bestand – die gesetzliche Rücklage einer Dreimonatsausgabe – berührt.