Ich habe die Überzeugung, daß die Ereignisse sich nicht mehr ereignen, sondern daß die Klischees selbsttätig fortarbeiten. Oder wenn die Ereignisse, ohne durch die Klischees abgeschreckt zu werden, sich dennoch ereignen sollten, so werden die Ereignisse aufhören, wenn die Klischees zertrümmert sein werden. Die Sache ist von der Phrase angefault. Die Zeit stinkt schon von der Phrase.

Karl Kraus

Kino-Wellen

Von „Avantgarde“ zu „Museum“, das geht scheinbar immer schneller. Die Bewegung „Junger Deutscher Film“ Mitte der sechziger Jahre, verbunden mit Titeln wie „Es“, „Der junge Törleß“, „Tätowierungen“ oder „Zur Sache, Schätzchen“, wird vom Constantin-Verleih als Serie „Die erste Welle“ wieder ausgekramt. Die Regisseure (Roger Fritz, Alexander Kluge, Edgar Reitz, Christian Rischert, Johannes Schaaf, Peter und Ulrich Schamoni, Volker Schlöndorff, Haro Senft, Franz Josef Spieker und May Spils) stellen sich der Diskussion. Außerdem wird eine zweite Welle der „Väter des Jungen Deutschen Films“ mit Beispielen wie Veselys „Brot der frühen Jahre“ oder Wickis „Die Brücke“ gezeigt. Das Unternehmen soll von München aus auch in andere Städte gehen. Sinnvoller Abschluß des „Wellen“-Programms: Kluges „Abschied von gestern“.

Old England mal sechsundzwanzig

Die Straßen waren leer wie bei Fußball-Weltmeisterschaften, sobald die BBC eine neue Folge ausstrahlte: Galsworthys „Forsyte Saga“ begeisterte ganz England und inzwischen die halbe Welt, von Amerika bis Rußland, wo sie alle Fernsehrekorde schlägt. Die ungeheuer subtil und liebevoll inszenierte Mammutproduktion ist detailbesessen und gediegen bis zum echten Türklopfer und in der sprachlichen Nuancierung präzise vom Baron bis zum Straßenhändler. Die Serie, zuerst belächelt, wurde zu einem der größten Prestige- und Finanzerfolge des britischen Fernsehens. Ab September 1972 sollen die sechsundzwanzig Fortsetzungen auch im Deutschen Fernsehen laufen. 35 000 Mark inklusive Synchronisation wird sich die ARD den viktorianischen Spaß pro Folge kosten lassen.