Von Dieter E. Zimmer

Nicht nur das Zielfernrohr des Scharfschützen war auf den Bankräuber gerichtet. Auch Photographen, Schmalfilmamateure, Kameramänner des Fernsehens hatten ihn im Visier. Sterben sahen ihn zehntausend Neugierige, die sich zu dieser Szene in der Münchner Prinzregentenstraße eingefunden hatten und nun pfiffen und applaudierten; sterben sahen ihn auch Millionen von Fernsehzuschauern. Denn das Medium ist tüchtig: Es ermöglicht ihnen, dabeizusein.

Vor einiger Zeit produzierte der WDR ein hervorragendes satirisches Fernsehspiel, in dem eine (denkbare) künftige kommerzielle Fernsehgesellschaft den Nervenkitzel einer echten Menschenjagd ausbeutet – einer Verfolgung, die zu Unterhaltungszwecken veranstaltet wird und in der es um viel Geld und um das Leben geht. Ich meine Wolfgang Menges „Millionenspiel“. Es war erfunden, aber nicht aus der Luft gegriffen; viele Zuschauer nahmen es für bare Münze, und das heißt: Die Satire war der Wirklichkeit nur ein wenig voraus.

Die tödliche Gefahr, das Sterben und überhaupt alle Erfahrungen, die man herkömmlicherweise für der Diskretion bedürftig gehalten hat, als Gegenstände einer zirzensischen öffentlichen Schaulust: das ist ein neues Element, eine neue Qualität des gesellschaftlichen Umgangs.

Möglich gemacht wird sie durch den in seinen Dimensionen völlig neuartigen Multiplikationseffekt der elektronischen Medien (übers Fernsehen erreicht jedes Shakespeare-Stück bei einer einzigen Ausstrahlung mehr Zuschauer als in den vierhundert Jahren seiner Existenz zusammen), einen Effekt, der der Reichweite, der Schnelligkeit und der unmittelbaren Anschaulichkeit des Fernsehens zuzuschreiben ist – die Übersetzung eines Vorfalls in eine noch so primitive Zeitungssprache und seine Rückübersetzung in die Vorstellung ist dagegen ein eine weite Distanz schaffender Prozeß.

In Amerika, dessen Journalismus sich immer viel darauf zugute hielt, hart zuzupacken und „dicht dran“ zu sein, hätte die Fernsehübertragung jener Millionenspiel-Szene, wie sie uns unser öffentlich-rechtliches Fernsehen aus der Prinzregentenstraße bot, vermutlich niemanden mehr stutzen lassen. In Europa empfindet man hinsichtlich der Präsenz der Medien noch jungfräulicher; noch – es ist wohl nur eine Frage der Zeit.

Wem diese ungenierte und schrankenlose Präsenz der Medien unheimlich ist, gerät leicht in ein ziemlich haltloses Moralisieren.