Stehen die Berlin-Gespräche vor dem Abschluß? Nach sechs Stunden Dauer endete am Dienstag das 31. Treffen; der sowjetische Botschafter Abrassimow versprachden fragenden Journalisten: „Morgen sagen wir mehr.“ In Berlin und Bonn breitete sich wieder Optimismus aus, nachdem in den Tagen zuvor mehrmals von einer Krise geraunt worden war.

Die Serie der beschleunigten Verhandlungen war am Dienstag vergangener Woche mitdem 27. Treffen eingeleitetworden, das nach einer Information aus Bonn die Schlußphase eröffnen sollte. Dieallgemeinen Hoffnungen erwiesen sich als verfrüht. Am Donnerstag trennten sich die Botschafter nach insgesamt 23 Stunden Verhandlungsdauer. Abrassimow, sonst immer zu einem Kurzkommentar bereit, verweigerte am Abend erstmals jede Auskunft. Gleichermaßen wortkarg verhielt sich sein britischer Kollege Jackling. US-Botschafter Rush tröstete: „Wir reden noch immer.“

Schwierigkeiten bereiteten auch in der letzten Verhandlungsrunde die alten Probleme: die Bundespräsenz in Westberlin, die außenpolitische Vertretung der Stadt – Welt am Sonntag, wollte sogar wissen, Hauptstreitpunkt sei der Bundesadler auf den Pässen der Westberliner –, die Einrichtung eines sowjetischen Generalkonsulats und die sowjetische Verantwortung für den Zugang.

Am Wochenende bemühte sich Regierungssprecher Ahlers vor der Presse, allzu großen Optimismus zu dämpfen und vor Pessimismus zu warnen. Der Regierende Bürgermeister Schütz hatte noch unmittelbar vor seiner Reise nach Amerika, wo er in Ann Arbor den Ehrendoktorhut der Universität von Michigan empfing, Bundeskanzler Brandt auf Sylt einen Blitzbesuch abgestattet. Er verkürzte seine Amerika-Visite und kehrte schon am Dienstag wieder zurück.

Als die Botschafter am Montag wieder zusammentraten, lief das Gerücht um, nach dieser Sitzung sei eine längere Denkpause geplant; die Verhandlungen hätten sich festgefahren. Es schien sich zu bestätigen, als am Nachmittag die Gespräche vorübergehend unterbrochen wurden. Die drei Westvertreter fuhren in die Berliner Residenz von Rush, Abrassimow in seine Botschaft nach Ostberlin.

Gegen 17 Uhr nahmen die vier ihre Verhandlungen wieder auf. Abrassimow erwiderte auf die Frage, ob eine neue Situation eingetreten sei, kurz mit „Nein.“ Am Montagabend stand dann fest: Die Gespräche gehen weiter. Botschafter Rush: „Es gab keine Krise.“ Sein französischer Kollege Sauvagnargues, auch in den kritischen Tagen der Vorwoche stets optimistischer als seine Kollegen: „Ich glaube, es hat sich gelohnt.“ Der britische Botschafter antwortete auf die Frage, ob die Verhandlungen diese Woche noch abgeschlossen würden: „Das ist noch immer die Frage.“

Nach dem Dienstag-Treffen erklärte Abrassimow, man habe bei dieser fünften Sitzung innerhalb von acht Tagen Fortschritte gemacht. Für Mittwoch versprach er weitere Angaben. Das üblich knappe Kommuniqué kündigte nur an, daß für Mittwoch um 10.30 Uhr ein weiteres Gespräch vorgesehen sei. Westliche Diplomaten wollten weder ein schnelles Ende noch eine weitere Woche der Verhandlungen ausschließen.