Von Gunhild Freese

Über Nordenham bringt der Brockhaus ganze 13 Zeilen: "Stadt und Seehafen im Kreis Wesermarsch, Niedersachsen, links an der Unterweser, mit (1954) 27 200 meist evang. Einw., Amtsgericht, Seemannsamt, Zollamt, Oberschule ..." Eine junge Hafen- und Industriestadt, kaum älter als 70 Jahre, umgeben von landwirtschaftlicher Nutzfläche.

Doch jüngst machte diese Stadt ohne besondere Kennzeichen Schlagzeilen. Und das hat sie der Drucksache 7/595 des Niedersächsischen Landtags zu danken – der Mitteilung an den Herrn Präsidenten, betr.: "Stand des Umweltschutzes und der Umweltpflege in Niedersachsen."

"Nach Untersuchungen der Landwirtschaftskammer Weser-Ems in Oldenburg", so der Umweltbericht auf Seite 13, "sind im Raum Nordenham der Boden und die Vegetation stark mit Blei- und Zinkstaub, Schwefeldioxyd und Fluor angereichert. Nach einem Gutachten aus dem Jahre 1970 ist der Bleigehalt im Boden auf das 120fache und der Zinkgehalt auf das 150fache gegenüber Normalwerten angestiegen. Die Milch der in diesem Raum gehaltenen Tiere ist nur nach starker Mischung mit anderer Milch genießbar. Der Genuß einzelner tierischer Organe ist wegen des Gehalts an schädigenden Stoffen nicht mehr möglich."

Den Nordenhamer Bauern indes bringt diese plötzliche Publizität nichts Neues. Sie klagen seit Jahrzehnten über die Emissionen der benachbarten Industrie, die Tierbestand und Pflanzenwuchs schädigen. "Die vormals saftigen Marschweiden, Getreidefelder und Bäume werden durch Industrieemissionen verätzt und sterben stellenweise ab, die Rinder geben weniger Milch, haben geringere Gewichtszunahme, müssen zum Teil notgeschlachtet werden oder verenden gar", merkt der Kreislandvolkverband Wesermarsch an.

Wissenschaftliche Rückenstärkung findet das Landvolk im Gutachten der Oldenburger Landwirtschaftskammer. In dreijährigen Untersuchungen wurde eine Blei- und Zinkanreicherung auf Böden und bei Pflanzen bis zu etwa 10 oder 12 Kilometer Entfernung nachgewiesen. In drei bis vier Kilometer Entfernung vom Werkszentrum ermittelte die Landwirtschaftskammer zudem Schädigungen von Garten-, Getreide- und Grünpflanzen durch Blei- und Zinkemissionen.