Was bislang zum Repertoir wissenschaftlicher Science-fiction- und Horrorliteratur zählte, scheint inzwischen Wirklichkeit geworden zu sein. Die Vision nämlich, daß Insekten sich die Vernichtungsmittel der Menschen zu eigen machen und damit andere Lebewesen attackieren. Amerikanische Biologen fanden kürzlich einen sensationell anmutenden Vorgang, bei dem Insekten ein von Menschen entwickeltes Gift für den chemischen Krieg gegen ihre Feinde verwenden.

Thomas Eisner, Jerrold Meinwald, Lawrence B. Henry und David B. Peakall von der amerikanischen Cornell-Universität entdeckten eine in Florida lebende, flügellose Heuschrecke, welche ein von Menschen produziertes Herbizid benutzt, um ihre Angreifer zu vertreiben. Bestandteile dieses 2,4-D-Herbizids (ein chemisches Mittel zur Abtötung von Pflanzen) fanden die Forscher, als sie mehrere Hundert solcher Heuschrecken „molken“, indem sie diese zwischen zwei Fingerspitzen preßten und so deren Abwehrreaktion auslösten. In dem Schaum, den die Insekten aussprühten, ermittelten Dr. Eisner und seine Kollegen eine chlorhaltige, aromatische Substanz, die sich auch in dem Herbizid befindet.

In der Natur sind aber derartige Substanzen ausgesprochen selten anzutreffen. Daher ist das Herbizid sehr wahrscheinlich die Quelle dieses chemischen Bestandteils. Verstärkt wird diese Annahme durch eine Paralleluntersuchung der Cornell-Biologen. Heuschrecken, die in einer biologischen Versuchsstation gehalten wurden, in der keine Herbizide verwendet worden waren, enthielten in ihrem Abwehrschaum keine derartigen Substanzen. Ungeklärt ist allerdings noch, ob das Herbizid erst im Organismus der Heuschrecken in den Abwehrstoff umgewandelt wird oder ob dieser Umwandlungsprozeß bereits bei den Pflanzen einsetzt, von denen sich das Insekt ernährt.

In jedem Falle enthält der Insektenkörper ein leistungsfähiges „Laboratorium“, in dem von Menschenhand produzierte Substanzen ebenso umgewandelt werden wie in der Natur vorkommende Materialien. Es gibt inzwischen zwar zahlreiche gut belegte Hinweise dafür, daß Insekten die Chemikalien anderer Lebewesen verwerten, doch ist der Fund der Cornell-Wissenschaftler der erste Fall, in dem künstlich erzeugtes Gift von Insekten verwendet wird.

Die Heuschrecke benutzt das Gift, um ihre Angreifer und Feinde abzuwehren und möglicherweise zu töten. Aus zwei Drüsenöffnungen, die sich auf beiden Seiten der Brust befinden, sprüht das Insekt dabei eine braune, schäumende Flüssigkeit. Diese Schaumflüssigkeit wird vom Drüsengewebe an der Luftröhre des Insekts hergestellt. Sobald ein feindliches Insekt, etwa eine Ameise, die zu den natürlichen Feinden der Heuschrecken zählt, in die Nähe gelangt, öffnen sich die Drüsenöffnungen und der braune Schaum wird – wie bei einem Spray – herausgespritzt.

Kleinere Insekten können von diesem Giftspray sogar getötet werden. In der Welt der Insekten findet also ein regelrechter chemischer Krieg statt. Allerdings gibt es – nach Ansicht der amerikanischen Forscher – bislang keine Anzeichen dafür, daß die Heuschrecken andere Lebewesen als ihre Angreifer mit dem Giftspray attackieren. Ähnliche Abwehrmittel haben übrigens viele Insekten, jedoch konnte bei ihnen bislang noch kein von Menschen produziertes Gift festgestellt werden.

Ob die Heuschrecken in Florida eine evolutionäre Anpassung an das Herbizid in so kurzer Zeit durchgemacht haben, ist nach Ansicht von Dr. Eisner und seinen Kollegen nicht mit Sicherheit festzustellen. Aber: „Wir sind ganz sicher, daß sie auch dazu in der Lage sein können.“ Sollte es sich doch um eine evolutionäre Anpassung handeln, so wäre dies in hohem Maße bedenklich. Insekten und andere Lebewesen könnten durch derartige Anpassungen zunehmend immun gegen menschliches Gift werden und wären sogar in der Lage, dieses Gift als eigene Waffe zu verwenden. Die Horrorvision, nach der dereinst Rieseninsekten die Menschheit mit Chemikalien, die von Menschen erzeugt wurden, vernichten werden, wird wohl dennoch Vision bleiben. Denn evolutionäre Anpassungen in solch großem Ausmaß sind innerhalb eines so kleinen Zeitraums nicht denkbar. Aber: „Diese Studie zeigt die große Unvorhersagbarkeit von Chemikalien-Wirkungen im Bio-System“, warnt Dr. Eisner. Hans-Werner Prahl