Von Sybil Gräfin Schönfeldt

Das Fernsehen hat die Kinder entdeckt. Das ist keineswegs aus Liebe zu den Kindern geschehen oder aus Rücksicht auf den künftigen Seh-Kunden. Seit eh und je bestand die Haltung der deutschen Fernsehanstalten den Kindern gegenüber aus verletzender Gleichgültigkeit. Auf Sendungen, die im Schnitt der Kaufhauskinderliteratur von 1950 entsprachen, kam drei- bis zehnmal im Jahr etwas Akzeptables.

Auch schon in der Zeit (bis 1969), in der noch der Beschluß der Ständigen Programmkonferenz galt, keine Sendungen für Kinder unter sechs Jahren zu machen, waren sich die Redakteure der Kindersendungen darüber klar, daß Eltern genau wie heute schon ihre Anderthalbjährigen allein vor die Mattscheibe setzen. Auch Sendungen für Kinder über sechs mußten also so vorsichtig angelegt sein, daß kein Kind zu Schaden kam.

Das ist jetzt alles anders. 1970 ist die amerikanische Vorschulsendung „Sesame Street“ beim Münchner Wettbewerb um den „Prix Jeunesse“ gezeigt worden, und seitdem „geht ein Gespenst um“, wie Gert Müntefering vom Kinderprogramm des Westdeutschen Rundfunks (WDR) schreibt.

Dies Gespenst hatte eine sonderbare Wirkung. Zuerst einmal rief es die Erwachsenen, die sich früher einen Teufel um die Qualität der Nachmittagssendungen geschert hatten, zur Verteidigung der kindlichen und der deutschen Seele auf. Karl Schnelling, Programmdirektor am Saarländischen Rundfunk (SR), schrieb: „Der Norddeutsche Rundfunk will die ‚Sesame Street‘ in seinem Dritten Programm ausstrahlen. In der übrigen ARD ist das Vorhaben auf Bedenken gestoßen; Bedenken wegen der anderen soziologischen Situation in den USA, der Unterschiedlichen Zielgruppenbestimmung, schließlich wegen der unkritischen Art, in der das Kind in die heile Konsumwelt integriert wird.“ Gerechtfertigte Bedenken, die jedoch auf den Fernsehkonsumenten wie Hohn wirken, wenn er diese Kritik auf amerikanische Wildwest- und Familienserien bezieht, die sonst Kinderspeise waren.

„Sesame Street“, zweihundertsiebzig Folgen, aus Privatinitiative geboren, amüsant, lässig, einfallsreich und glänzend gemacht, eine geballte Ladung an Beispielhaftigkeit, reizte die Fernsehleute als nächstes sofort zur Abwehr und oft zu böser und ungerechter Kritik, die um so heftiger klang, je mehr Branchenfremde sich von „Sesame Street“ angetan zeigten. Denn seit Jahren experimentieren ein paar Leute bei uns an ähnlichen Ideen. Walter Flemmer, Mit-Autor der bayerischen „Spielschule“ und Redakteur des Bayerischen Rundfunks (BR): „Wir haben um jede Mark kämpfen müssen, und jetzt sind acht Millionen nichts. Alle Anstalten zusammen haben nicht einen so hohen Etat, wie ‚Sesame Street‘ kostet.“ Gert Müntefering: „Vieles, was in ‚Sesame Street‘ als neu begrüßt und als bahnbrechend gewürdigt ist, gibt es in vielerlei Ansätzen, Verpackungen und Ausführungen im Kinderprogramm, und das nicht erst seit heute.“

Redakteure wissen das, Fernsehdirektoren offenbar nicht. Denn Karl Schnelting, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Vorschule, zu der sich die Mitglieder der ARD im März 1971 schleunigst zusammengefunden haben, schlug als „konkrete Vorarbeiten“ vor, „in einer Bestandsaufnahme alle bisher für Kinder unter sechs Jahren hergestellten Sendungen“ zu erfassen. Sichten, in Kästen einteilen, jederzeit abrufbares Arbeitsmaterial: deutscher Traum vom musterhaften Lagerbestand. Eine Videothek, „zusammen mit schriftlichem Dokumentationsmaterial“: Ordnung in die Vergangenheit hinein, wenn man mit der Zukunft nichts anzufangen weiß?