Bonns Politikern war die Sache „peinlich“. Ostberlins stellvertretender Außenhandelsminister Behrendt sicherte eine „gründliche Untersuchung“ zu. Und Brüssels EWG-Beamte hatten erneut Anlaß, „Mißvergnügen“ über die „stille Mitgliedschaft“ der DDR in der EWG auf dem Wege des innerdeutschen Handels zu bekunden.

Verdutzte Zöllner entdeckten an der Ostgrenze der Bundesrepublik ein weiteres Beispiel für die Geschäftstüchtigkeit ostdeutscher Funktionäre – etwas außerhalb der Legalität. Gerade als die Beamten drei grenzpassierenden Frachtschiffen, die Stahl in die Bundesrepublik lieferten, „gute Fahrt“ wünschen wollten, fiel ihr Blick auf eingeprägte Herkunftsmarken. Der Stempel trug nicht etwa das Signum eines ostdeutschen volkseigenen Betriebes, sondern kennzeichnete vielmehr die Ware als in Rumänien hergestellt. Reaktion in Bonn: Das Bundeswirtschaftsministerium wies das Bundesamt für gewerbliche Wirtschaft an, 1971 vorläufig keine weiteren Genehmigungen für die Einfuhr von Stahl und Stahlerzeugnissen aus der DDR mehr zu erteilen.

Die beanstandeten Lieferungen verstießen gegen bestehende Verträge: das Berliner Abkommen über den innerdeutschen Handel und – bei Stahl gegen die Bestimmungen des Montan-Vertrages. Bei anderen Waren würden EWG-Bestimmungen verletzt. Zwar setzte die Bundesrepublik – getreu langjähriger Deutschlandpolitik – 1957 beim Abschluß der EWG-Verträge in Rom durch, daß der Handel zwischen West- und Ostdeutschland nicht dem – kostspieligeren – Handel mit Drittländern (die nicht zur EWG gehören) gleichgesetzt wurde. Bedingung war aber, daß die Ware auch tatsächlich in der DDR produziert würde. –

Schon oft war diese faktischeAssoziierung der DDR an die Europäische Gemeinschaft (EWG-Kommissar Ralf Dahrendorf) Anlaß zu scharfer Kritik der Europaorgane, häufig angestoßen vom holländischen Abgeordneten Henricius Vredeling. So wurde beispielsweise Anfang dieses Jahres ein „Buttergeschäft“ bekannt. Sechstausend Tonnen reine Butter, der offiziellen Deklaration nach für das Drittland Libanon bestimmt, wurden tatsächlich im DDR-Hafen Rostock angelandet. Die 28,6 Millionen Mark aus dem Agrarfonds der EWG sollten mit dem Abnehmer in der DDR offensichtlich geteilt werden. Da der DDR-Vertragspartner ein volkseigenes Außenhandelsunternehmen war, dürfte das Geschäft kaum ohne Wissen staatlicher Stellen geplant worden sein. Der Schwindel flog auf, weil Matrosen des Frachtschiffes den Mund nicht hielten. Der damalige Bundesfinanzminister Alex Möller forderte die Millionen von dem Hamburger Verschiffungsunternehmen zurück.

Weit gewinnträchtiger allerdings sollte für die DDR das Stahlgeschäft werden. Im vergangenen Jahr hat die DDR ihre Lieferungen an Stahl und Stahlerzeugnissen in die Bundesrepublik beträchtlich gesteigert. Sie betrugen 1968 noch 30,4 Millionen Verrechnungseinheiten (1 VR = 1 DM-West), 1969 schon 33,9 Millionen, aber 1970plötzlich 97,6 Millionen VR. In diesem-Jahr ließ sich nach den Lieferungen der ersten Monate ein weiteres Ansteigen auf mindestens 130 Millionen VR erwarten. Den „besonderen Geschäftsbeziehungen“ kommt insofern noch gesteigerte Bedeutung zu, als Bonn – nach der UdSSR – zweitstärkster Handelspartner Ostberlins ist und ebenso viele DDR-Waren abnimmt wie alle westlichen Industrieländer zusammen.

Für 1968 errechnete das Institut für Agrarpolitik und Agrarstatistik an der Technischen Universität Berlin den Vorteil für die DDR aus dieser Sonderregel auf rund 400 Millionen Mark. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung schätzte 1969 rund 500 Millionen. Und es werden jährlich mehr.

Kein Wunder also, daß Bonns EWG-Partner revoltieren. Sie nämlich bekamen in Rom für ihre „Anhängsel“ nicht so günstige Bedingungen. Während Bonn DDR-Waren im gesamten EWG-Gebiet vertreiben kann, dürfen beispielsweise von Frankreich auf Grund einer Sonderregelung aus, Tunesien und Marokko EWG-zollgünstig eingeführte Waren nur im Mutterland Frankreich abgesetzt werden.