Die Lufthansa lehnte ein Paket billiger Flugpreise ab. Nun verspricht sie noch preiswerter zu fliegen als die internationale Konkurrenz

Die kleine Lufthansa hat in der vorigen Woche den Mund ein wenig zu voll genommen: Wenn es sein muß, werden wir gegen die gesamte internationale Konkurrenz auf dem Nordatlantik den billigen Jakob spielen. Sie droht, das internationale Kartell der Luftfahrtgesellschaften in die Luft gehen zu lassen.

Das Kartell ist die IATA, die Dachorganisation von 108 Linienfluggesellschaften. Seit 1945 bestimmt diese Organisation die Preise im Linienflugverkehr auf allen internationalen Routen.

Vor acht Wochen trafen sich die Delegierten von rund 80 Fluggesellschaften in Montreal, um über die neuen Preise (ab 1. April 1972) auf der wichtigsten internationalen Strecke, dem Nordatlantik, zu beraten. Die Konferenz hatte sich schon vor Beginn das Prädikat erworben, die schwierigste in der Kartellgeschichte zu sein. Denn auf allen Nordatlantikflügen fliegt der Pleitegeier mit. 23 Fluggesellschaften lassen ihre Düsenriesen zwischen Europa und Nordamerika pendeln. Doch im Durchschnitt bringt jeder Flug ein paar tausend Mark Verlust – die Flugzeuge sind grundsätzlich nur zur Hälfte besetzt.

Den Schub für den Aufstieg aus den roten Zahlen sollen niedrigere Flugpreise liefern. Wenn die Linienflüge billiger werden, so rechnen die Luftfahrtbosse, dann werden ganz neue Kunden gewonnen, und man wirbt gleichzeitig den überaus erfolgreichen Charterflügen Kunden ab. Doch darüber, wie man die Preise senkt, ohne sich selbst weh zu tun, ist man sich noch lange nicht einig. Nach langwierigen Diskussionen wurde in der vorigen Woche in Montreal gestimmt. 39 Gesellschaften waren mit den ausgehandelten Kompromissen einverstanden, nur die Lufthansa sagte nein. Nach den Spielregeln des Kartells bedeutet schon ein einziges Veto Auflösung: Im nächsten Jahr darf jede Fluggesellschaft auf dem Nordatlantik zu hausgemachten Preisen fliegen. Die Folge wäre ein erbitterter Preiskrieg, der einige der ohnehin schon angeschlagenen Linien zur Aufgabe zwingen würde. Doch die Lufthansa hat bis September Bedenkzeit.

Der Lufthansavorstand kämpft im Prinzip für eine richtige Sache. Die Lufthansa begründet ihr Nein damit, daß sie einen Unfug, den sie allerdings jahrzehntelang (und manchmal noch umfangreicher als die Konkurrenz) mitgemacht hatte, nun nicht mehr mitmachen will. Sie will für Nordatlantikflüge nur noch neun verschiedene Tarife anbieten. Gegenwärtig sind es über 50.

Darüber, daß der Nordatlantikflug wesentlich billiger werden soll, sind sich Lufthansa und die anderen Gesellschaften einig. Wobei die Lufthansa-Behauptung, man wolle die in Montreal von den anderen ausgehandelten Preise noch wesentlich unterbieten, wohl mehr Public-Relations als Wahrheit enthält.