Die internationalen Notenbanken können ihre Dollardepots nicht mehr gegen Gold eintauschen. Mit dieser Entscheidung des US-Präsidenten Richard Nixon hat die seit langem offenkundige Krise des Weltwährungssystems ihren Höhepunkt erreicht. Der Dollar, Rechnungseinheit und Leitwährung des internationalen Handels, hat keinen festen Preis mehr.

Nixon hat zur gleichen Zeit zwei weitere Säulen seiner bisherigen Wirtschaftspolitik erschüttert: den Freihandel, dem er durch eine zehnprozentige Steuer auf einen großen Teil der amerikanischen Einfuhren einen Schlag versetzt hat, und die Freiheit der Lohn- und Preisbildung. Die Führungsmacht des Kapitalismus hat unter einem republikanischen Präsidenten Löhne und Preise eingefroren.

Dies sind die Beschlüsse, die Nixon am Sonntagabend den amerikanischen Fernsehzuschauern mitgeteilt hat:

  • Die Konvertibilität des Dollars gegenüber Gold und anderen Devisen wird vorerst aufgehoben. Es bleibt jedoch bei dem fast vier Jahrzehnte bestehenden Goldpreis von 35 Dollar je Feinunze. Wäre sie geändert worden, so hätte dies zwangsläufig eine Dollar-Abwertung bedeutet. Die US-Regierung wünscht hingegen eine Aufwertung der anderen Währungen.
  • Auf alle zollpflichtigen Einfuhren – etwa die Hälfte aller amerikanischen Importe – muß eine zehnprozentige Einfuhrsteuer entrichtet werden. Von dieser Bestimmung unberührt bleiben vor allem jene Rohstoffe und Waren, die die USA nicht herstellen oder deren Einfuhrquoten durch feste „Kontingenzlisten“ geregelt ist – wie Fleisch und Baumwolltextilien.
  • Löhne, Preise, Mieten und Dividenden bleiben bis zum 12. November unverändert. Ein Rat für Lebenshaltungskosten wird auf die Einhaltung dieses Lohn- und Preisstopps achten. Auch danach werden Löhne und Preise nicht sofort wieder ganz freigegeben, sondern nur kontrolliert anwachsen dürfen.
  • Steuerbegünstigungen und Steuersenkungen sollen die seit Jahren in einer tiefen Struktur- und Wachstumskrise steckende US-Wirtschaft ankurbeln: Steuergutschriften von zunächst zehn Prozent für Investitionen, geringere Einkommensteuern vom nächsten statt vom übernächsten Jahr an und Streichung der siebenprozentigen Verbrauchssteuer auf Autos.
  • Ausgabenkürzungen im Bundeshaushalt in Höhe von 4,7 Millionen Dollar sollen die durch die Steuerbegünstigungen verursachten Mindereinnahmen ausgleichen. Mit minus zehn Prozent am stärksten betroffen ist dabei die US-Auslandshilfe.

Nixons Beschlüsse bedeuten eine Abkehr von der bisherigen Politik. Die 1967 in Kraft getretenen Beschlüsse der nach John F. Kennedy benannten Zollsenkungsrunde im GATT sind von den USA praktisch einseitig aufgehoben worden – ebenso die 1944 in Brettern Woods vereinbarte Weltwährungsstruktur. Die freie Lohn- und Preisbildung, Exportartikel der amerikanischen nationalökonomischen Literatur und des US-Handels, ist ausgerechnet in den Vereinigten Staaten gestoppt worden. Präsident Nixon, über Jahre erbitterter Feind der Protektionisten und Dirigisten im Kongreß, ist auf die Linie seiner Gegner eingeschwenkt.