Nahezu Woche für Woche gibt es Neuigkeiten auf dem Gebiet der Molekularbiologie, und wer nur oberflächlich hinsieht, kann leicht den Eindruck gewinnen, wir wüßten jetzt im Prinzip ziemlich genau, wie das Leben sich entwickelt hat und wie es abläuft: Wir kennen einerseits die Gene, Nukleinsäuren, Proteine und Enzyme als Informations- und Funktionselemente (gleichsam als Bauteile des Computers „Organismus“), andererseits Mutation und Selektion als entwicklungsgeschichtliche Bildungs- und Steuerungsverfahren.

Daß sich zwischen diesen beiden Bereichen des Erklärlichen ein weites Feld des Unerklärten ausbreitet, darauf hat der Gießener Zoologe W. E. Ankel kürzlich an Hand eines kleinen, aber um so eindrucksvolleren Beispiels hingewiesen.

Ankel hat sich eingehend mit der Wasserschnecke Turritella befaßt und ihre Lebens- und Ernährungsweise studiert. Die Turritella besitzt ein spitz zulaufendes Gehäuse, mit dem sie sich so in den Schlamm bohrt, daß nur die Mündung heraussieht; ihr Körper (der „Fuß“) ragt gerade so weit aus dem Gehäuse, daß die Schnecke durch einen schmalen Spalt zwischen Fuß und Gehäuserand Wasser einsaugen kann: Die Turritella gehört nämlich zu den Schneckenarten, die nicht „weiden“, sondern „strudeln“, also ihre Nahrung aus dem sie umgebenden Wasser herausfiltern. Zu diesem Zweck trägt der Mantelsaum der Turritella einen Kranz von Tentakeln, die das Wasser herbeifächeln und gleichzeitig allzu grobe Partikel aussieben.

Das für die sitzende Ernährung höchst zweckmäßig gebaute Haus hat auch eine Haustür: Auf der Rückseite des Fußes der Schnecke ist ein horniger Deckel derart angewachsen, daß er, wenn die Schnecke sich in ihr Haus zurückzieht, dieses nach außen abschließt, und zwar nicht genau am Mantelsaum, sondern etwas weiter zurück innerhalb des Hauses – eine einwärts verlegte Haustür, die optimalen Schutz bietet, wenn es wirklich gefährlich wird.

Auch in einer solchen Situation freilich muß die Schnecke noch atmen, und auch dazu braucht sie frisches Wasser; sie muß also die Haustür einen Spalt breit öffnen können, aber das Wasser, das sie jetzt einsaugt, darf nur noch winzigste Partikel enthalten, weil ja die Ernährungsorgane eng zusammengedrückt sind. Der Feinfilterung des Atemwassers dient nun nach Ankels Feststellungen ein Kranz von Borsten, den der Deckel der Turritella an seinem äußeren Rand trägt und dessen „Maschenweite“ sehr viel geringer ist als die der Tentakeln auf dem Mantelsaum.

Freilich wächst die Schnecke und die Haustür wächst in konzentrischen Ringen mit. Mit jedem „Jahresring“, den der Deckel außen ansetzt, wird ein Borstenkranz überflüssig und ein neuer muß am neuen Außenrand wachsen. Das Erstaunliche ist nun, daß die jeweils neuen Deckelborsten mit zunehmendem Alter der Schnecke eine andere Gestalt erhalten: sie werden länger und zeigen später seitliche Fortsätze, so daß die Maschenweite des Borstenfilters stets gleich bleibt. Das ist ein Wachstum, das sich nicht „am Stück“ vollzieht, sondern in einzelnen Abschnitten, von denen jeder für sich besteht und dann dem nächsten Abschnitt weicht. Es ist, als ob beim Menschen die Hände nicht wüchsen, sondern von Zeit zu Zeit in jeweils etwas weiter entwickelter Form neu gebildet würden.

Die Punkte der Deckelperipherie, an denen die Borsten gebildet werden, führen also nicht einfach den genetisch bedingten Befehl „Borste!“ aus, sondern – verwirklichen den Plan „Borste, gegebenenfalls mit seitlichen Fortsätzen in Abhängigkeit vom Deckeldurchmesser zur Erzielung einer gleichbleibenden Filterwirkung“ – also ein umfangreiches und umfassendes Programm von Beziehungen zwischen Bau, Funktion und individuellen Entwicklungsgang –, gar nicht zu gedenken des dahinter noch verborgenen stammesgeschichtlichen Konstruktionsvorganges, in dessen Verlauf aus einem weidenden Ahnen die strudelnde Turritella wurde.