Von Marianne Kesting

Es traf sich mehr oder weniger zufällig, daß ich in kurzer Zeit vier Bücher zu Fragen moderner Ästhetik las – mit dem Ergebnis, daß mir unklar wurde, was den Autoren jeweils sonnenklar war: Antrieb, Begründung und Bedeutung des Kunstwerks. Offenbar zeigt sich das Bedeutungspotential eines Kunstwerks gerade in der Vielfalt seiner Rezeption, und offenbar ist gerade seine Rätselhaftigkeit das Einfallstor für die jeweilige Ideologie.

Ich resümiere einmal, grob vereinfacht, einige der Thesen, die mir da entgegentraten:

1. Nur das schwer rezipierbare, hermetische Kunstwerk sei Statthalter der gesellschaftlichen Utopie (Adorno).

2. Nur der kritische Realismus sei gesellschaftlich fortschrittlich (Lukács).

3. Der Einbruch technisch-mathematischer Kategorien in das Kunstwerk sei positivistisch (Renate Matthaei).

4. Der Einbruch technisch-mathematischer Kategorien befriedige das fortschrittliche artistische Interesse (Bense).