Ein neues Schild am Autobahnrand verkündet in weißer Schrift auf blauem Grund: 80 bis 110 Stundenkilometer. Das den meisten Autofahrern bislang noch unbekannte Verkehrszeichen, das jetzt mit der Straßenverkehrsordnung eingeführt wurde, setzt einen neuen Akzent im bundesdeutschen Schilderwald: Der Begriff der „Richtgeschwindigkeit“ taucht auf.

Das Schild ist weder Gebot noch Verbot – nur Empfehlung. Innerhalb der angegebenen Geschwindigkeitsgrenzen, so raten die Verkehrsbehörden dem Autofahrer, komme man am besten voran, ohne andere Verkehrsteilnehmer durch Langsamfahren in Rage zu bringen oder durch Schnellfahren zu beunruhigen. Die Geschwindigkeitsangaben auf den neuen Verkehrsschildern, die neben Autobahnen übrigens auch an autobahnähnlich ausgebauten Schnellstraßen aufgestellt werden sollen, beruhen auf Angaben der Straßenbauer: Die Ingenieure in den Straßenbauabteilungen der öffentlichen Verwaltungen rechnen aus, mit welchen Geschwindigkeiten die von ihnen geplanten Straßen befahren werden sollten. An diesen Werten, im Fachjargon Entwurfsgeschwindigkeit genannt, orientieren sich die Verkehrsbehörden beim Aufstellen der neuen Verkehrszeichen.

Der Begriff „Entwurfsgeschwindigkeit“ ist im Straßenbau ein zentraler Begriff: Sobald eine neue Straße geplant wird, legt man zunächst einmal eine Entwurfsgeschwindigkeit fest. Sie liegt in der Regel zwischen 40 bis 60 und 80 Stundenkilometern bei Landstraßen und zwischen 80 bis 120 Stundenkilometern bei Autobahnen; auch andere Werte kommen in der Praxis vor. Die Kriterien, nach denen diese Geschwindigkeiten ausgewählt werden, sind vielfältig: Die Beschaffenheit des Baugeländes (bergiges Gebiet oder Flachland), die Art des zu erwartenden Verkehrs (viele schwere Lkw oder viele schnelle Pkw) und die verkehrspolitische Konzeption beeinflussen die Festsetzung der Entwurfsgeschwindigkeit.

Ist diese aber erst einmal festgelegt, so hat sie für den dann folgenden Straßenbau weitreichende Konsequenzen: Die gesamte Straße wird so angelegt, als ob die Entwurfsgeschwindigkeit später beim Verkehr als Höchstgeschwindigkeit gelten würde.

Im einzelnen sieht das so aus: Kurven werden nach der Entwurfsgeschwindigkeit (bei 80 Stundenkilometern ist ein Radius von 250 Metern vorgesehen) gebaut; wer schneller fährt, kann in Schwierigkeiten kommen. Bei Gefälle oder Steigungen wird der Sichtwinkel so berechnet, daß bei Hindernissen, die plötzlich hinter Bergkuppen auftauchen, das Fahrzeug noch rechtzeitig gebremst werden kann. Die Randneigung der.Fahrbahn in Kurven wird für die entsprechenden Geschwindigkeiten erhöht, und auch Größe und Schrift der Verkehrszeichen sind von der vorgegebenen Entwurfsgeschwindigkeit abhängig. Selbst die Breite der Fahrspur korreliert mit diesem Wert: So ist zum Beispiel bei Autobahnen mit einer Entwurfsgeschwindigkeit von mehr als einhundert Stundenkilometern eine Fahrbreite von 3,75 Metern vorgesehen.

Von der Entwurfsgeschwindigkeit aber wissen die meisten Autofahrer gar nichts. So beschwerte sich zum Beispiel ein Kraftfahrzeug-Ingenieur einer schwäbischen Automobilfabrik bei einem Straßenbauer, daß ihm bei der abendlichen Heimfahrt über eine Landstraße immer die spotlights der Begrenzungspfähle vor den Augen verschwimmen würden: „Dort müssen Sie größere Pfähle aufstellen mit größeren Leuchten“, rügte der Kraftfahrzeug-Ingenieur. „Wie schnell fahren Sie denn?“ wollte der Straßenbauer wissen. Die stolze Antwort: „160 Stundenkilometer.“ Der Straßenbauer erbleichte: Die betreffende Landstraße war nur für eine Entwurfsgeschwindigkeit von 60 Stundenkilometern gebaut worden.

Doch davon konnte der Kraftfahrzeug-Ingenieur nichts wissen. Kein Verkehrsschild wies ihn darauf hin, daß er sich allabendlich in große Gefahr brachte.