Von Diether Stolze

In Gold We Trust – diese Worte hatten internationale Devisenhändler in Abwandlung der Aufschrift amerikanischer Banknoten (In God We Trust) zum Wahlspruch erkoren. Nun werden viele bereuen, nicht nach diesem Motto gehandelt zu haben: Seit vergangenem Sonntag ist der Dollar nicht mehr „Gold wert“. Um präzise zu sein: Gegenwärtig vermag niemand zu sagen, was der Dollar überhaupt wert ist.

Die Entscheidung von Richard Nixon, kein Gold mehr gegen Dollar zu verkaufen, bedeutet – zumindest in der Theorie – das Ende des Währungssystems von Bretton Woods, das der westlichen Welt einen beispiellosen Wohlstand gebracht hat. Die Versicherung des Präsidenten, die Goldeinlösepflicht sei nur „vorübergehend suspendiert“, ist praktisch bedeutungslos: Aller Voraussicht nach hat Washington das „Goldfenster“ für immer geschlossen.

Ein Bankier, der seine Zahlungsunfähigkeit eingestehen mußte, kann nicht kurze Zeit danach die Schalter wieder öffnen, ohne daß es sofort zu einem Sturm auf die ihm verbliebenen Reserven kommt. Einen Run auf das Gold von Fort Knox aber können die USA nicht riskieren. Nach der letzten Statistik waren die kurzfristigen Auslandsschulden Amerikas mit 51,9 Milliarden Dollar fast fünfmal so groß wie der Goldbestand (10,5 Milliarden Dollar).

Washington hat die Schalter dicht gemacht – und so sehen sich nun jene Kassandras bestätigt, die seit Jahren den Zusammenbruch der internationalen Währungsordnung prophezeien. In der Tat ist unbestreitbar, daß wir gegenwärtig die schwerste Währungskrise der Nachkriegszeit erleben. Dennoch erscheint es falsch, von einem „Zusammenbruch des Systems“ zu sprechen. Es klingt paradox, läßt sich aber erklären: Obwohl mit dem Sturz des Dollars als einer an das Gold gebundenen Leitwährung dem System der festen Wechselkurse eigentlich die Grundlage entzogen worden ist, werden nach einigen Tagen der Verwirrung die Mechanismen wohl mehr oder weniger reibungslos weiterfunktionieren.

In diesen Tagen hektischer Nervosität sollte man nicht vergessen, daß die Krise zwar jetzt offen ausgebrochen ist, aber schon seit langem schwelt. Immer wieder wurden der Dollar und andere Währungen in den Strudel der Spekulation gerissen, wurden Devisenbörsen geschlossen, gab es Auf- und Abwertungen und heftige Schwankungen des freien Goldpreises. In den letzten Jahren wurde es offenkundig, daß unser Währungssystem auf einer Fiktion beruht – und dennoch funktioniert.

Grundlage unserer Währungsordnung ist die Annahme, daß erstens Gold einen festen Preis hat und deshalb ein allgemeingültiger Wertmaßstab sein kann und zweitens der Dollar jederzeit in Gold getauscht werden kann und deshalb „so gut wie Gold“ ist. Im Jahr 1944, als dieses System in Bretton Woods beschlossen wurde, konnten die Experten mit guten Gründen annehmen, daß es Dauer haben werde. Damals lagerte fast alles Gold der Erde in den Gewölben von Fort Knox – und es schien undenkbar, daß die vom Krieg vernichtete Industrie etwa Englands, Frankreichs oder gar der besiegten Feindstaaten Deutschland und Japan je zu einer ernsten Konkurrenz für die ökonomische Weltmacht USA werden könnte. Lange Jahre galt die „Dollarlücke“ als Haupthindernis des Welthandels.